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Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.
näher gerückt, von denen sonst höchstens eine unsichere Sage Kunde gegeben hätte.Und doch sind damit nur kleine Erdraume, und auch diese nur unvollkommen erhellt.Wie ungewiß aber die mündliche Überlieferung, wie unbrauchbar die Sage für unsreZwecke ist, das lehrt uns eine bittere, immer wiederkehrende Erfahrung: Immer gehen dieAnfänge der menschlichen Geschichte in die Mythologie über, und während wir noch dieSpuren irdischer Geschlechter zu verfolgen glauben, bemerken wir, daß die Urbilder derSage heute noch wie einst am Himmelszelt den Tierkreis durchwandern oder als Sturmund Gewitter über die Erde dahinbrausen. Wir müßten an weiterer Forschung ver-zweifelt', wenn nicht bessere Zeugen der Vergangenheit vor uns ständen.
Hier und da ragen gewaltige Steine empor, die nur Menschenhand aufgerichtet habenkann, erheben sich Hügel und Wälle, die nicht von der Natur gebildet sind. Vielleichtbezeichnet das Volk den einen oder den andern dieser Wälle als Schwedenschanze oderläßt ihn gar von den Kriegern Napoleons errichtet sein. Aber graben wir in seinerUmgebung nach, dann belehren uns seltsame Topfscherben, Metallgeräte von ungewohnterForm, bearbeitete Knochen und Steine, daß sich hier Reste einer alten Kultur erhaltenhaben, und vielleicht hütet der einstige Eigentümer dieser Schätze, in stiller Grabkammerbeigesetzt, noch immer seinen Besitz, den die Hinterbliebenen ihm sorglich mitgegeben haben.Und je zahlreicher diese Funde werden, desto deutlicher erkennen wir, daß die vorzeitlichenSpuren nicht aus einer einzigen Periode der Vergangenheit stammen, sondern daß es unsgelingen muß, wenn wir ihre stumme Sprache zu enträtseln vermögen, die Urzeit inihrer Entwickelung weithin zu überschauen, ja die Anfänge der menschlichen Gesittungnicht nur, sondern des Menschengeschlechts überhaupt zu erkennen.
Aber während wir mühsam auf diesem schwierigen Pfade vorwärts dringen, bemerkenwir, daß diese alten Kulturen der Gegenwart nicht so fremdartig, so unverständlich gegen-überstehen, wie wir bei einem Vergleich mit unserm eignen Zustande glauben möchten.Wir brauchen uns nur aus unsern Kulturländern zu entfernen, und wir begegnen Völkern,die noch auf einer Stufe der Gesittung stehen, wie unsre Vorfahren vielleicht vor Jahr-tausenden; da sind Stämme, die noch das Metall nicht kennen und nur aus Knochen,Holz und Stein ihre Geräte fertigen, die aus Tierfellen und Baumrinde ihre kärglicheKleidung bereiten, deren Künste und Gewerbe in den ersten Anfängen stecken gebliebensind. Freilich, was wir an ihnen zunächst sehen, sind eben bestehende Zustände, währendwir doch nach der Entwickelung aus niederer zu höherer Kultur suchen. Dieser Ent-wickelung auch hier nachzuforschen, ist die Aufgabe der Völkerkunde, einer noch sehrjungen, aber verheißungsvollen Wissenschaft.
In gewissem Sinne ist auch die vergleichende Sprachforschung nur ein Teilder Völkerkunde, wenn auch ein sehr selbständiger, eigenartig entwickelter Teil. MitVorsicht benutzt, kann sie uns Einblicke in vergangene Zustände auch dann verschaffen,wenn andre Hilfsmittel versagen; nicht ohne Glück hat man z. B. versucht, die Heimatund den Kulturstand der alten Arier aus dem gemeinsamen Wortschatz der indo-europäischen Sprachen zu erkennen, und ähnliches wird sich für andre Gebiete des Erd-balls erreichen lassen.
Und sollten wir endlich nicht auf uns selbst blicken und auf die Menschen, die unsumgeben, deren Denken und Fühlen uns vertraut ist? Macht doch jeder einzelne inseinen Kinderjahren die Erziehung der Menschheit im kleinen noch einmal durch, wie erin gewissem Sinne vor der Geburt die Entwickelung des Menschen aus seinen tierischenVorfahren in sich verkörpert zeigt. Und die Tierwelt selbst, mit der wir nach DarwinsLehre aufs engste verknüpft sind, zeigt bereits die Keime dessen, was sich im Menschenin so gewaltiger Weise entfaltet hat. Gerade dieser Übergang, dieses Herauswachsen überdie andern Geschöpfe der Erde ist vielleicht der räffelhafteste Vorgang in der Menschen-geschichte. Unbewußt zweckmäßiges Handeln ist allen Tieren eigen, mü im Staate derBienen und Ameisen schafft es die verwickeltsten gesellschaftlichen Gebilde. Wie es nunkommt, daß dieses Unbewußte schon bei den höheren Tieren, vor allem aber beimMenschen sich mehr und mehr dem Bewußtsein unterordnet, bis auf diese Weise ganzneue Daseinsbedingungen, ganz neue Möglichkeiten des Fortschritts entstehen, fragen