18
Einleitung: Entwickelungsgang der Menschheit.
seiner Eigenschaft, sich in scharfe Splitter schlagen zu lassen, und wegen seines verhältnis-mäßig häufigen Vorkommens. Noch schneidendere Splitter gewährt allerdings derObsidian, ein natürliches Glas, der dort, wo er häufiger auftritt, dem Feuerstein völligden Rang abläuft, so im alten Mexiko und anderwärts.
Wo Metalle unbekannt sind und die Bearbeitung der Steine noch allgemein geübt wird,ist es noch jetzt eine hochgeschätzte, nicht von jedermann gekannte Kunst, durch geschickten Druckund Schlag von einem kugeligen oder knolligen Stück Feuerstein die langen scharfenSplitter abzusprengen, die als Messer, als Schaber, als Speer- und Pfeilspitzen dienensollen. Dem gewandten Arbeiter gelingt es, rings um den Stein die geeigneten Stückeso lange abzulösen, bis ein Steinkern, ein Nucleus, als unverwendbarer Rest übrigbleibt. Diese Steinkerne sind dem Urgeschichtsforscher von höchster Wichtigkeit; wo siesich zahlreich finden, hat eine Werkstätte bestanden, aus der die Feuersteingeräte vielleichtweithin verhandelt worden sind. So war Rügen mit seinen feuersteinreichen Kreidefelsenein Handelszentrum der Urzeit, von dessen ausgedehnten Werkstätten — Fabriken möchteman fast sagen — noch zahllose Steinkerne und -splitter Zeugnis geben. Daß in Rügen und an manchen andern Punkten der Feuerstein unmittelbar aus dem Kreidefelsen ge-wonnen werden konnte, war nicht gleichgültig; solange er seine „Bergfeuchtigkeit" nochbesaß, war er weit leichter zu bearbeiten, als wenn er an der freien Lust ausgetrocknetund verhärtet war. So entstand hier und da selbst ein primitiver Bergbau auf Feuerstein .In einem derartigen Bergwerk, das in England aufgefunden worden ist, entdeckte mannoch in dem Kreidestanbe den Abdruck einer menschlichen Hand — ein seltener und merk-würdiger Fall! Menschliche Knochen haben sich vielfach erhalten, aber eine Spur derallzuleicht zerstörbaren Weichteile konnte nur auf diese eigentümliche Weise erhalten bleiben.Leider gibt es nur sehr wenige derartige Reste, und die Zeichnungen menschlicher Gestaltenauf Knochen und Horn, die aus der Urzeit erhalten sind, können nur als schwacher Ersatzfür jene unmittelbarsten Dokumente gelten.
Die Bedeutung des bildsamen Feuersteines für die Urgeschichte reicht noch weiter.Er wurde anfangs nur roh zugerichtet und in seinen halb zufälligen Formen nach Möglich-keit benutzt; die Übung indessen, die man beim Ablösen der Splitter von den Steinkernenerwarb, die Geschicklichkeit im Absprengen kleinster Teilchen verlockte dazu, auch die Geräte,die man aus Feuerstein fertigte, durch geeignete Bearbeitung weiter zu vervollkommnen.So gelangte man schließlich dazu, jene wundervollen Pfeilspitzen zu verfertigen, derenForm durch unzählige winzige Absprengungen vom Künstler willkürlich bestimmt wordenist. Indes blieb auch dann die Fläche des Steines noch rauh, und es lag nahe, dieKunst des Schleifens und Polierens, die man zuerst vielleicht an andern Steinengelernt haben mochte, nun auch auf den Feuerstein zu übertragen. Diese Neuerung ist sowichtig, daß sich mit ihr — in Europa wenigstens — eine neue kultiviertere Periode derUrgeschichte eröffnet: Das Zeitalter der polierten Steine oder das neolithische hebt sichhier ziemlich scharf von dem paläolithischen ab.
Viele andre Gesteine sind neben dem Feuersteine in der Urzeit verwendet worden,so u. a. Nephrit und Jadeit, die in Europa selbst nur an äußerst wenigen Punkten aufnatürlichen Lagerstätten vorkommen, aber rätselhafterweise sehr häufig benutzt und vielleichtdurch Handelsverkehr aus Asien eingeführt worden sind. Noch gegenwärtig fertigt manin China Geräte aus Jadeit, und der Nephrit wird von den Bewohnern Nordwestamerikassowohl wie Neuseelands zu kostbaren Schmucksachen, Waffen u. s. w. verarbeitet. EinzelneSteingeräte, wie Mühl- und Schleifsteine, haben bis zur Gegenwart ihre Bedeutung nochnicht eingebüßt.
Die Knochen stehen in ihrer Nutz- und Formbarkeit zwischen Holz und Stein. Vongrößter Wichtigkeit sind sie dort, wo ein eisiges Klima nur dürftigen Pflanzenwuchsgedeihen läßt, die Tierwelt dagegen in Fülle vertreten ist. Der Eskimo fertigt seine Angel-haken und Harpunen, seine Beile und Hacken, seine Nadeln und Pfrieme aus Knochenoder Horn, stützt sich überhaupt in seinem ganzen Dasein auf die Tierwelt der Polar-länder — eine Art der Kultur, wie sie einst auch den Bewohnern Mitteleuropas eigen war,damals, als die Eismassen der Diluvialzeit bis zum Fuße des Erz- und Riesengebirges