210 Gotische Bauwerke in England.
rippen, bald auch die Sternrippen. Im Chor der Kathedrale von Winchester sind dieKapitelle ganz ohne Blattornament geblieben, im westlichen Teile der Abteikirche zuSt. Albans zeigen sich Kelchkapitelle mit Knospen, und erst im Chor der Kathedrale vonWorcester kommt das eigentümliche konventionelle Blattwerk des englisch -frühgotischenStiles vor. Selbst das etwas spätere übertrieben reiche Blattwerk der Kathedrale vonLincoln zeigt keine pflanzliche Individualität.
In der figürlichen Skulptur der Frühgotik macht sich ein rascher Fortschritt bemerkbar.Am Äußern der Kathedralen ist der figürliche Schmuck selten, wird aber im Innern mit ver-schwenderischem Reicknum ausgebreitet, und zwar namentlich in den Bogenzwickeln der Schiffs-arkaden. Die Reliefs des Engelchores der Kathedrale von Lincoln füllen die Zwickel derTrifvrienbogen und stellen meist Engel in anmutiger Bildung dar. Übrigens überwiegt inEngland die dekorative Skulptur ohne besonderen Inhalt, wie die viel verwendeten Köpfe vonheiterem, oft stark naturalistischem Gepräge. Beispiele bieten die Konsolenreihen von Wells undWorcester . An den englischen Grabmälern scheinen meist Ausländer thätig gewesen zu sein.Das Grabmal des Königs Johann in der Kathedrale von Worcester, an der Figur porträtartigeZüge zeigend, scheint von einem Franzosen herzurühren. Wiederkehrende Eigentümlichkeiten derenglischen Grabfigurcn sind die gekreuzten Beine, die Haltung einer Hand am Schwertgriff unddie Bekleidung mit dem Kettenpanzer. Die Polychromierung der Statuen ist allgemein an-gewendet. Von den vorhandenen Wandmalereien ist nichts erhalten; dagegen ist eine Glas-malerei im Chor von Canterburh vorhanden.
Die Blütezeit der englischen Gotik bezeichnet der fast durch das ganze 14. Jahrhundertherrschende sogenannte „äsooratock stzllo". Ein neues Bausystem tritt mit demselben nichtauf, nur die Zierformen werden üppiger, aber auch harmonischer in ihrer Verbindungmit dein konstruktiven Gerüst. Die Kathedralen von Exeter und Lichfield , der mittlereTeil von Ely , der Chor der Kathedrale von Wells n. a. geben Beispiele der neuenRichtung. Die schottischen Monumente dieser Zeit halten sich selbständig. Aus der Periodedes „äsooratöä stM" stammen die Tnrmhelme der Kathedralen von Salisbury, Chichester und Lichfield, sowie der Turmbau von St. Mary zu Oxford . Die Türme stehen meistüber der Vierung, und die Helme derselben sind nicht durchbrochen. Die Gewölberippenerscheinen als dekorative Musterungen, zugleich geht das Kreuzgewölbe in ein Tonnen-gewölbe mit einschneidenden Stichkappen über. Als besondere englische Form erscheintdas Fächergewölbe, welches durch kreisförmige, von den Stützpunkten ausgehende und sichgegen einander versteifende Kelche gebildet wird. Die neutralen, zwischen den Kelchenverbleibenden Flächen des Fächergewölbes werden oft in spielender Weise mit nach untengeschwungenen, scheinbar freischwebenden Zapfen ausgestattet. Gleichzeitig wird gelegent-lich eine Rückkehr zur Balkendecke beliebt. Die Fenster erhalten das im Englischen als„t'lorvinA st^lo" bezeichnete, als eine Art Teppichmuster mit herzförmigen Figurenerscheinende Maßwerk, welches an den Westfenstern der Kathedralen von Jork undDnrham u. a. O. bemerkt wird. Die Kapitelle sind niedrig, bauchig oder kelchförmig undmit einem dichten Kranze frei angehefteten konventionellen Blattwerkes geschmückt. Diefigürliche Skulptur wird weichlich, wie es an der Fassade der Kathedrale von Wells er-scheint. Die Grabfigurcn werden ausdruckslos und steif, eine Verschlechterung, welchedurch das ungünstige Zeitkostüm mit verschuldet wird. Im Kapitelhause zu Westminstersind wenigstens Proben der Wandmalerei dieser Zeit erhalten, Christus umgeben vonEngelchören darstellend.
Die letzte Form der englischen Spätgotik wird als „xorponckionlar 8tzllo" be-zeichnet und äußert sich namentlich in der Änderung der Bogenform, indem an die Stelledes Spitzbogens ein flacher, aus verschiedenen Kreisstücken zusammengesetzter Bogen tritt,der immerhin im Scheitel eine Spitze bildet. Die neue Stilrichtnng zeigt sich am Umbauder Kirche zu Winchester, im Langhaus der Kathedrale von Canterbury , an Teilen derKathedrale von Aork n. a. O. Am Kreuzgange der Kathedrale von Gloucestcr tretenzum erstenmal die Fächcrgewölbe in Stein auf, welche in ihrer Dekoration mit dem Per-pendikulären Maßwerk in Übereinstimmung treten. An der Vorhalle der Kathedrale vonExeter zeigen die Skulpturen einen gewissen poetisch-historischen Zusammenhang, dem mansonst in England selten begegnet. Es sind zwei Königsrcihen übereinander ausgeführt,beide sächsisch-normannische Könige darstellend. In der Mitte der oberen Reihe befindet