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Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
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Gotische Bauwerke in Deutschland . 215

deshalb in Marburg das Strebesystem, und der schlichten Wirkung des Äußern entsprichtdie Anordnung der Fenster in zwei Rängen übereinander. Die Klosterkirche zu Haina inHessen gleicht der vorigen und ist vermutlich von demselben Dreister errichtet.

Das knospenartige Blattwerk der französischen Frühgotik ist in der deutschen Früh-Periode des Stiles nicht zu finden, ebensowenig treten hier die von den kleinsten Pflanzenabgeleiteten Blattmotive auf, vielmehr findet sich sofort ein frei entfaltetes Blattwerk,meist dem Laube der Waldbäume und dem der Weinrebe nachgebildet. Die Kapitelle derLiebfrauenkirche in Trier zeigen zwei Reihen teils auf Stielen stehender, teils angehefteterBlätter; die des Portales sind bereits stark naturalistisch gebildet. Die Kapitelle der ältestenTeile der Elisabethkirche zu Marburg haben ein frei sich ablösendes Blattwerk erhalten.Wahrhaft musterhaft ist das Kapitelllaub im Schiff des Münsters von Straßburg gebildet.In den ersten frühgotischen Bauwerken Deutschlands erscheinen Fenster ohne Maßwerk,dann aber tritt ein einfaches, ohne junge Pfosten gebildetes Maßwerk auf, wie das inder Liebfrauenkirche zu Trier . Die Profilbildungen der Gewölberippen und Archivoltensind in Trier und Marburg bereits birnförmig.

Der figürlichen Skulptur begegnen wir wieder vorzugsweise an den Portalen. Dasnoch rundbogige Westportal der Liebsrauenkirche zu Trier enthält in den Einfassungen großeStatuen, unter Baldachinen stehend, in den Kehlungen des Bogens Statuetten und im Bogen-felde ein Relief der thronenden Madonna mit den anbetenden Königen. Die Statuetten inden Bogenkehlungen geben Engel, Bischöfe, Kirchenvater und die klugen und thörichten Jung-frauen wieder. Die Figuren sind noch steif, dagegen zeigt sich an den Kopsen einige Anmut;besser sind die Figuren am nördlichen Portale der Ostseite des Dvmes zu Bamberg , die be-kleideten Figuren erscheinen in völlig frei behandelter Gewandung; die nackten Gestalten inüberraschender Naturwahrheit. Die regellos zerstreuten Tiersymbole der romanischen Kunst sindverschwunden, dafür treten die der altchristlichcu Kunst entstammenden ein. Ein Beispiel früh-gotischer Polychromie bietet die Elisabethtirche zu Marburg . Im Innern waren Wände undPfeiler hell- oder braunrot gefärbt und die Fugen mit weißen Linien angegeben; denselbenGesamttou mit aufgemalten Fugen, in Nachahmung des Steinverbandes zeigten die verputztenGewvlbekappen, während Nippen und Bogen durch einen liefgelben Ockerton und die Stäbe derScheidebogen durch Weiß ausgezeichnet waren. Nur das Laubwerk und die figürlichen Dar-stellungen der Schlußsteine waren entweder vergoldet oder in natürlichen Farben auf dunklemGrunde bemalt. Im Äußern erschien das Westportal in reicher Bemalung und Vergoldung.

Die bedeutendste Schule der deutschen Hochgotik ist die kölnische; dieselbe erweitertsich zur niederrheiuischeu, später niederdeutschen Schule; zugleich bildet sich eineoberdeutsche Schule mit der am frühesten ausgesprochenen Tendenz eines Überganges zurSpätgotik. Zu den bedeutendsten Werken der niederrheinischen, später niederdeutschenSchule gehört der obere Teil des Chorbaues am Dome zu Köln , dann Ostchor undOnerschiff der St. Katharinenkirche zu Oppenheim n. a. Es treten in dieser Periode diegroßen Turmbauten auf mit den Deutschland eigentümlichen durchbrochenen Steinhelmen.In dieser Art musterhaft sind der Turmbau des Münsters zu Freiburg im Breisgan undnamentlich der Erwinsche Westfrontbau des Straßburger Münsters. Der Plan Erwinsvon Steinbach ist in Straßburg nicht unverändert zur Ausführung gekommen; derselbeschloß sich übrigens eng an das Freiburgcr Münster an, deutete aber zugleich auf erneutenfranzösischen Einfluß durch die Anlage des großen Radfenstcrs und des freistehendenStabwerkes, welches als eine zweite Wand vor den Mauern und Mauerdnrchbrechnngenemporstrebt. Ebenfalls in die Periode der Hochgotik gehören eine Anzahl der Ziegel-bauten der norddeutschen Tiefebene, die Kirche zu Chvrin in der Mark Brandenburg, dieMarienkirche zu Lübeck u. a. Der oberdentfchen Schule gehört als Hauptwerk derunter französischem Einflüsse begonnene Dom zu Regeusburg an, dessen Chor und Kreuz-schiff in dieser Periode zur Ausführung kommen. Zu derselben Schule gehören in Öster-reich die Kirche zu Heiligenkrcuz, in Franken die St. Lorenzkirche zu Nürnberg .

Das Maßwerk der Fenster nimmt in der Hochgotik die reicheren Formen der altenund jungen Pfosten an, zugleich erscheint der Spitzgicbel über den Fenstern mit Kanten-blättern und Kreuzblumen, wie beispielsweise an den Obcrfenstcrn des Chores am KölnerDom . Die Rosenfenstcr der Wcstfassaden erhalten mächtige Abmessungen. Das Blattwerkder Kapitelle wird durchweg naturalistisch gebildet, nur selten kommen noch akanthus-