Die Wiener Hofoper ist eine der großartigsten und gelungensten Bauten ihrer Art. Freilich haben die Urheber Ban derNlill und v. SiccardSburg. die Heroen der nachmärzlichen Architekturperiode in Wien , den Bau thatsächlich mit ihrem Leben bezahlt;beide sind unter der erdrückenden Wucht von Mühen, Kümmernissen und Sorgen, die mit der Durchführung eines solchen für die kom-pliziertesten Bedürfnisse bestimmten Prachtbaues verbunden sind. erlegen und haben die Vollendung des großen Werkes nicht mehr geschaut.Dieses aber verkündet den Ruhm seiner Schöpfer für immerwährende Zeiten.
Der Grund, auf welchem dieser Bau aufgeführt wurde, war nicht gerade der günstigste, insofern derselbe quer über dentiefen, ehemaligen Stadtgraben, teils über alte Basleistruktvren, teils über aufgeweichtes Graben-, teils über vielfach umgewühltesÄlacrsterrain zu stehen kam. Die auf dem Schnitt zu ersehenden beträchtlichen Höhendimensionen der Souterrainränme erklären sich ausder Tcefe. bis zu welcher die Fundamente hinabgelegt werden mußten. — Der Flächemnum des ganzen Baues beträgt an überbauterFläche 9685 Pn. Während der erste Spatenstich im Sommer 1.860 geschah, fand tue feierliche Legnng des Grundsteines erst am 20. Mai 1863stell. Am 7. Oktober 1865 wurde die Hauptgesimsgleiche erreicht. Der innere Ausbau des glanzvollen Gebäudes nahm dann die Zeitvon IS66 bis Mai 1869 in Anspruch.
Betrachten wir zunächst das Äußere. Seinem Zwecke entsprechend soll das Gebäude nach außen sich wirkungsvollgruppieren, einen lebendig heiteren Charakter an sich tragen und nach allen Seiten hin seine Räume einladend öffnen. In ersterer Be-ziehung sehen wir den Bau in zwei Hanptgruppen geteilt. Die vordere, schmälere, nach der Ringstraße liegende Gruppe enthält denZuschauerraum mit allen seinen dem Publikum zur Bequemlichkeit dienenden Nebenräumen. Sie liegt zwischen zwei Gartenanlagen,welche durch Fontänen belebt werden, und öffnet sich nach vorn in eine von fünf Arkaden gebildete Halle, welche den zu Wagenkommenden Besuchern zur Unterfahrt dient. Tue Hintere Gruppe ist bedeutend breiter als die erstere, denn sie enrhält die Bühne mitihren ausgedehnten Bedürfnissen. Hier befinden sich sowohl in der Kärnlhnerstraße als in der Operngasse je zwei Unlerfahrtshallen, ausderen Bestimmung wir später zu sprechen kommen werden. Zwischen diesen Unterführten ziehen sich in den beiden genannten Gassenoffene Arkaden hin. um die zu Fuße kommenden Besucher gegen Wetter und anfahrende Wagen zu schützen. Der Höhe nach überragt dasAuditorium und die Bühne, als der Kern des ganzen Baues, alle umliegenden Nebenräume, und ein leicht gewölbtes, an seinen Rändernmit ornamentalem Schmucke gesäumtes Dach krönt diesen, die Umgebung dominierenden Mitlelkörper.
Die Fassaden sind im Renaissancebogenstile gehalten. Im ebenerdigen Geschosse reihen sich die Öffnungen, nach elliptischerForm mehr gedrückt überwölbt, aneinander, um dieses Geschoß als den Unterbau für die mächtige, im vollen Halbkreise überwölbteArkadenstettung des ersten Stockwerkes zu charakterisieren. Um auch dieses erste Stockwerk nach außen zu öffnen, ist über der Unterfahrtder Ringstraße eine Loggia mit fünf weiteren luftigen Öffnungen angelegt, welche, mit Staruen und Malerei geschmückt, die Dichtungenzur Anschauung bringt, die im Innern dem Besucher vorgeführt werden.
Führen wir nun den Leser in das Innere und machen ihn an der Hand des obigen Durchschnittes mit den zur Bequemlich-keit der Opernbesucher getroffenen Einrichtungen bekannt.
Jene Bevorzugten, welche zu Wagen ankommen und an der Abendkasse nichts weiter zu thun haben, fahren an der Ring-straße unter der gedeckten UnterfahrtShalle vor und treten durch einen der fünf nebeneinander liegenden Eingänge in das mittlere eleganteBogenvestibule ein, zn dessen beiden Seiten die kleinen Kassen- oder Galerievestibule liegen. Aus diesem großen Vestibüle steigt in derBreile der drei mittleren Eiugangsthüren und ihnen gegenüber die Logenlrcppe empor, während den beiden Seitenarkaden gegenüberdie Zugänge zu den Sitz- und Stehplätzen deS Parterre liegen. Verfolgt man zunächst die erstere und tritt in den Logengang ein,so sieht man auf jeder Seite kleine Marmortreppen vor sich. welche die Logen des Parterre, des ersten, zweiten und dritten Ranges untersich verbinden und den Besuch von einem zum andern vermitteln, ohne daß man in das große Stiegenhaus oder Vestibüle hinaustretenmuß. Auf dem Wege nach dem Parterre dagegen durchschreitet man einen Warteraum, rechts und links eine geräumige Garderobe,welche die Zirkulation in den Korridors nicht benimmt, und geht an jenen Verbindungstreppen vorüber, welche den Besuch der Logenaller Stockwerke vermitteln. — Für den Kaiser befindet sich eine besondere gedeckte Anfahrt in der Mitte der Operngasse, und für dieHerren Erzherzöge eine ebensolche in der Kärnlhnerstraße. An diesen beiden Anfahrten liegen besondere Treppen, welche nach denbetreffenden Appartements und Logen im ersten Stocke emporführcn. Die beiden rückwärtigen Anfahrten in den Ecken der Operngasseund Kärnlhnerstraße sind für die Damen und Herren der Bühne bestimmt. Für das Publikum, welches das Theater zu Fuße besucht,sind je nach der Richtung, von welcher es kommt, an jeder der zwei Ecken gegen die Ringstraße zwei Eingänge, getrennt von der Wagen-fahrt angelegt, und die von der inneren Stadt Kommenden wählen die Arkadengänge in der Kärnthnerstraße oder Operngasse. welchewieder zu zwei Setteneingängen neben den Treppen für den Allerhöchsten Hof führen. An diesen Arkadengaugen liegen zugleich eineReihe von Butiken, welche Gelegenheit geben, alle Bedürfnisse eines Theaterbesuchers zu befriedigen. Es wurde Borsorge getroffen, daßder Eingang in der Mitte der Kärnthnerstraße. gegenüber der Maximilianstraße, welcher vor allem am ersten schon an den Nachmittags-stunden eröffnet wird. nach einer geräumigen, im Winter erwärmten, Wartehalle führt, in welcher sich die Queue bildet und man mitmöglichster Bequemlichkeit die Eröffnung der Abendkasse abwarten kann. Ist diese Stunde der Erlösung gekommen, so tritt das Publikumgeordnet aus der Queue in die eine der beiderseits an den Ecken angebrachten Einlrittshallen, gelangt von hler in das Kasftnvestrbuleund findet der Kasse gegenüber die Galerietreppen. Diese liegen zn beiden Seiten des groben Logemreppenhauses. und die Mauern,welche sie scheiden, sind, wo es thunlich war, mit Bogenöffuungen durchbrochen, um dem diese Galerietreppen benutzenden Publikum auchGelegenheit zu geben, das elegante Vestibüle und Treppenhaus mit dem dasselbe füllenden Publikum zu übersehen und aus seinemmühsameren Wege zugleich ein schön belebtes Bild in sich aufzunehmen. — Das Foyer, als der Raum, wo in Zwischenakten dasPublikum der Logen, Sperrsitze und des Parterre sich zusammenfindet zur geselligen Unterhaltung und Erfrischung am Büffet, liegt inder Höhe des ersten Ranges über dem großen Logenvestibule. Vor diesem Foyer, über der ebenerdigen Wagenanfahrt nach der Ring-straße zu. wurde eine bereits erwähnte offene Loggia angelegt, welche, nachdem selbe bedeckt und an den Seiten geschlossen ist, gegenZugluft schützt, und doch für die warmen Sommermonate alle Annehmlichkeit des Aufenthaltes im Freien bietet. Diese, in ihrerreichen Ausstattung durch Malerei an den Wänden und der gewölbten Decke (von der Hand des Meisters Schwind) und durch Statuenin den fünf Bogenöffnungen nach der Straße, nachts mit Gas hell erleuchtet, gewährt, auch von außen gesehen, ein Bild von Prachtund Festlichkeit, anlockend und zum Eintreten ladend. , . ^
Treten wir nun in den Saal selbst ein. Er hat eine Große, welche die Mitte hält zwischen der Fenice m Venedrg undder Scala in Mailand ; er ist von der inneren Proszeniumskante bis zur Brüstung gemessen 27 m rief. während seine größte Breitevon Brüstung zu Brüstung 20.5 m beträgt, und faßt 3200 Personen; er stimmt auch in seiner Anordnung mit den erwähnten Theaternüberein. da er weder vorspringende Balkons noch ein unter die erste Galerie zurücktretendes Parterre hat, sondern den Charakter einesLogenhauses trägt, welches aber diese italienischen Theater in akustischer Beziehung übertrifft und zugleich die Annehmlichkeit bietet, daßjede in das Parterre eintretende Person das ganze Auditorium übersieht. Das Parterre hat je zwei Eingänge an den Seilen undeinen breiten Eingang in der Mitte, welcher den umgebenden Parterre-Logenkranz trennt, während die Setteneingänge unter den Logenbindurchführen. Der'erste und zweite Rang sind durchaus in Logen geteilt. Der dritte Rang hat an jeder Seile nur zehn Logen; derMittelraum zwischen diesen Logen ist zu einem Amphitheater mit Sperrsitzen. Sitz- und Stehplätzen gestaltet. Der vierte Rang enthältzu beiden Seiten je drei Sitzreihen, welche sich bis zur Mitte auf acht steigern.
Die Bühne ist 30 m breit, 25,5 m lang und frei von allen Stützen, sie ist vom Podium nach abwärtsi l,5 m tief. nach aufwärts bis an die horizontale, feuersichere Decke 25.5 m hock. sie gestaltet daher, daß man die Dekorationen entwedernoch der Einrichtung der französischen Bühnen von unten, oder nach der Einrichtung der deutschen und italienischen Buhnen von obenkommen lasse, und vereinigt überhaupt in ihrer Maschineneinrichtung die Neuerungen und Vorzüge aller Systeme. An diese Bühneschließt sich rückwärts die Hinterbühne von 13 m Breite. 24,5 m Länge, so daß die ganze Länge der Bühne selbst bis aus 50 mausgedehnt werden kann. Diese Hinterbühne dient vorzugsweise dem Maschinisten zum Arbeitsplätze und kann. um Aktionen auf derBühne nicht zu stören, von dieser durch ein Schiebethor abgeschlossen werden. Sie ist von außen für Wagen und Pferde über eine schiefeEbene zugänglich, und ihr zur Seite liegen rechts und links die Dekorationsmagazine und kleinen Werkstätten für Tischler- und Schlosser-arbeiten. Über dieser Hinterbühne und den zur Seite liegenden Magazinen befinden sich die drei großen Malersäle, welche durch Klappendie Herabbeförderung der fertigen Arbeiten auf kürzestem Wege ermöglichen und daher eine Bequemlichkeit der Manipulation gewähren,wie selbe noch kein Theater besitzt. Zu beiden Seiten der eigentlichen Bühne ziehen sich feuersichere, gewölbte Gänge hm, welche dieKommunikation von der oft in ihrer ganzen Breite in Anspruch genommenen Bühne ableiten, zu allen Ankleidezimmern, Sälen, Kanzleien.Probesälen, Garderobemagazinen u. f. w. führen und bei FeuerSgefahr auch der Löschmannschaft vollkommen sichere Standplätze gewähren,von wo aus selbe in allen Stockwerken durch schmale, schießschartenartige Öffnungen die Bühne mit den Wasserstrahlen beherrschenund jeden Brand bewältigen können. In dem Niveau der Bühne liegen an diesen Kommunikalionsgängen die 16 Ankleidezimmer derersten Rollen in unmittelbarer Nähe der Szene. Vier Treppen, au jeder Ecke der Bühne, führen nach den höher liegenden Ankleidesälendes Opern- und Ballettkorps, der Statisten und nach den zwei großen Probesälen für Oper und Ballett. In dem nächsten Stockwerkebefinden sich die Schneidereien, die Garderobemagazine und die Musik- und Ballettschule.
Heizung und Ventilation müssen gerade bei Theatergebäuden, die im Mutter nicht zu kalt, im Sommer nicht zu warmsein dürfen, wo in allen Räumen stets für Erneuerung der Luft und Erhaltung einer angenehmen Temperatur gesorgt werden soll,begreiflicherweise sehr sorgfältig bedacht sein. und es wäre interessant, die trefflichen diesbezüglichen Einrichtungen der Wiener Hofoperdes näheren zu beschreiben; indes würde das an dieser Stelle zu weit führen.
Operngasse
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Ringstraße.
a Rampe, b Kulissenmagazin, o Aufzug, <r Prospektmagazin. s Lichthöfe, k Aborte, s Dtrektlonsdienerll Feuerleute, 1 Erster Feuermann. k Bühne, 1 Hausmeister, m Heizer, n Maschinist, v Portier, p Kaiser-stiege. C Gebäudeinspektor, r Orchestergarderobe, 3 Stimmzimmer, t Orchester, u Parkettsitze, v Parterrew Stehparterre. x Probezimmer. ^ Sanitätszimmer. 2 Liqutdatur, ^4. Hauptkassa, L Kassovorstand, 6 Kassadiener. v Tageskassa, k'Kassagang, 0-Garderobe. 8 Sicherheitswache. ^ Garderobekontroleur, L LogenstiegeGaleriestiegen, Ll Erzherzogstiege, 8 Wartehalle. 0 Vestibüle, ? Kassa, Unterführten, R Verkaufsläden
Kärnthnerstraße.