Der Wohnhausbau. Z09
Der erste Vertreter der im modernen Sinne schaffenden Gotik ist Friedrich Schmidt m Wien, der aus der Kölner Dombanhütte hervorgegangen war. Seine ersten Kirchen-bauten in Wien, die Kirche der Lazaristen , die Kirche bei den Weißgerbern und die inder Brigittenau, halten sich noch in den Formen der historischen Gotik. Mit dem Ban derKirche in Fünfhaus unternimmt es Schmidt jedoch in bewußter, auf das Neue gerichteterAbsicht, einen gotischen Zentralbau zu schaffen. In Italien hatte derselbe den großartigenmittelalterlichen Profanbau kennen gelernt und gestaltete später sein Rathaus in Wien in diesem Sinne.
XVIII. Architektur der neuesten Zeit.
Die jüngsten, von gesteigertem Leben zeugenden Leistungen auf dem Gebiete derBaukunst können stilistisch genommen nicht viel Neues bringen; sie müssen sich notwendigin die Formen der historischen Stilarten kleiden, welche den Boden Europas mit ihrenMonumenten bedeckt und sich auf diesem ein Bürgerrecht erworben haben. Renaissance,Barock, Gotik und Romanismus müssen in diesem Sinne sämtlich als nationale Stilartenbetrachtet werden. Es wäre aber ganz falsch, wenn man aus dem Vorhandensein einesüberreichen überlieferten Formenschatzes schließen wollte, daß ein Abschluß der Baukunstvorläge, auf den nun keine weitere Entwickelung mehr folgen könnte; im Gegenteil: esliegt eine immerfort strömende Quelle neuer Erfindungen in der Ausbildung des typischenCharakters für die verschiedenen Klassen von Gebäuden, welche im allgemeinen ziem-lich unabhängig von der Stilistik ihren eignen Weg geht. Im folgenden sollen nun dieArten der Gebäude in dem Sinne, welcher ihr gemeinsames Ziel, die Fortbildung für dieZwecke des modernen Bedürfnisses, hervorhebt, betrachtet werden. Die Auswahl derBeispiele konnte sich nicht auf Deutschland beschränken, doch ist den Bauwerken unsresVaterlandes der erste Platz eingeräumt. Es hat auch fern gelegen, die Werke einzelnerArchitekten zu bevorzugen; übrigens konnte in diesem Falle ebensowenig eine vollständigeAufzählung, die zu viel Raum beansprucht haben würde, ins Auge gefaßt werden.
Die Arten der Gebäude in ihrer historischen Entwickelungund ihre Ausbildung in der neuesten Zeit.
Der Wohnhausbau.
Die Entwickelung der Monumentalkunst bei den modernen Kulturvölkern steht ineiner gewissen Parallele zur Ausbildung der griechischen Kunst. Hier ist es der Einflußdes Altorientalischen, dort der des Römischantiken und Altchristlichen, der aus der Fremdeübernommen wird; und beidemal ist ein angestammter Formenschatz vorhanden, der dasFremde aus seiner ursprünglichen Richtung zu neuen Zielen hindrängt.
Eine Gebäudegattung, in der wir die beharrende Kraft der nationalen bildendenPhantasie in ihrer ganzen Stärke kennen lernen, ist der Wohnhausbau. Das deutscheWohnhaus wurzelt seinem Wesen nach ganz unbedingt in den eignen nordischen Kunst-vnfängen und nimmt in den ersten Jahrhunderten der deutschen politischen Selbständig-keit nichts von dein kurz vorher herrschenden römischen Provinzialstil in sich auf. Dievrsprünglichen Typen des deutschen Hauses sind im Holzbau des Bauernhauses zuKnden, welcher später mit einigen Abänderungen auf das städtische Wohnhaus über-tragen wird.
Das heute noch in einzelnen Beispielen erhaltene norwegische Bauernhans, in ein-fachster Gestalt, bildet einen nahezu quadratischen Raum, vor dessen einer Giebelseite sich eineBorhalle hinzieht. Der innere Raum ist vom Fußboden bis zum Dachfirst offen, in der Mittebefindet sich die flache Feuerstätte, und der Rauch zieht durch eine verschließbare Dachöffnungab, welche zugleich die einzige Lichtquelle bildet. Bei etwas erweiterter Anlage liegt die Vor-halle an der Langseite und ist in drei Verschlage geteilt, welche mit Brettern umkleidet sind.Neben dem Hauptraume wird noch eine Kammer angelegt, und außerdem erhält das Hauseinen Aufsatz an der einen Ecke, in dem sich die sogenannte Ramloftstube befindet, zu der vonaußen eine Treppe an der mit Brettern bekleideten Galerie emporführt. Der Hausrat der Herd-stube besteht aus Langbänken an den Wänden, in deren Mitte sich der Hochsitz auszeichnet;hinter den Bänken sind in der Regel die Schlafverschläge angebracht. Außer dem Wohnhause