Band 
Erster Band. Entwickelungsgang und Bildungsmittel der Menschheit.
Seite
324
JPEG-Download
 

324

Baukunst der neuesten Zeit: Gebäudearten.

Kmderzimmer und Baderäume; ähnlich ist der zweite Stock eingeteilt. Im Souterrainist außer den Vorratskellern und Diensträumen ein feuersicheres Archiv eingerichtet. Diesehr umfangreichen Wirtschaftsräume mit Küche und Nebengelassen sind in einen Seiten-flügel verwiesen. An der Süd- und Westseite des Schlosses ziehen sich ausgedehnte Terrassen-anlagen hin. Nördlich vom Hauptgebäude, iu der Nähe des Wirtschaftsflügels, ist ein Neben-gebäude errichtet, welches Stallungen, Remisen, Jägerwohnung und eine Gasanstalt enthält.

Der Anzahl nach überwiegen in den Städten bei weitem die Etagenmietshänser,welche entweder ganz für Wohnzwecke, oder auch zum Teil für Geschäftsräume eingerichtetsind. Beide Gebändeklassen haben in neuester Zeit eine bedeutende Höhe der Ausbildungerlangt. Das Mietshaus an der Ecke der Schottenstraße und des Franzensringes in Wien ,von Th. von Hansen erbaut, enthält im Erdgeschosse Verkaufsläden und in den vieroberen Stockwerken Mietswohnungen, von denen die im ersten Stock für den Hausherrnbestimmt war und deshalb eine eigne Treppe erhielt. Von der Durchfahrt gelangt manrechts in ein Vestibüle und auf der anstoßenden Treppe zum ersten Stock, links zur Treppefür die übrigen Geschosse und geradeaus in einen mit Glas überdeckten Hof, an densich die Stallung für Pferde und die Wagenremise anschließt. Die Fassade ist edel inhellenistischer Renaissance durchgebildet und wiederholt sich an dem Nachbarhause in derSchottengasse, so daß beide Häuser als ein Ganzes erscheinen und gewissermaßen denÜbergang zum Gruppenbau bilden. — Ein glanzvolles Beispiel des wirklichen Gruppen-baues — der übrigens schon früher in Paris durch Mansart in Anwendung gebrachtwar — liefert das große Wiener Zinshaus, der Heinrichshof am Opernring in Wien ,von Hansen erbaut. Es sind hier drei Häuser zu einem vollständig freiliegenden palast-artigen Gebäude vereinigt, welches durch vier turmartige Eckrisalite und einen erhöhtenMittelbau organisch zu einem Ganzen geworden ist. Das Erdgeschoß enthält Läden; inden übrigen vier Stockwerken sind Mietswohnungen angelegt. Erdgeschoß und Mezzaninsind in Rustika ausgeführt und als Unterbau durch ein kräftiges Gurtgesims abgeschlossen;dann sind wieder der zweite und dritte Stock durch Zusammenziehen der Fenster nach derVertikalrichtung zu einer Einheit zusammengefaßt, und endlich ist der vierte Stock durcheine Pilasterstellung und dazwischen angebrachte Fresken auf Goldgrund als friesartigeBekrönung behandelt. Diese Dreiteilung der Fassade der Höhe nach beseitigt soviel alsmöglich die Monotonie des Stockwerkbanes. Die plastischen Architekturteile des Bauwerkesbestehen aus Terrakotta. — Der von Hansen in Wien eingeführte Gruppenbau hatdaselbst mehrfach Nachahmung gefunden, namentlich an den Ausführungen der Bau-gesellschaften, ist jedoch in neuester Zeit des Strebens nach Individualisierung des einzelnenwegen wieder verlassen. — Ein Mietshaus in München , Arcisstraße 33, von Linckeund Littmann erbaut, enthält in jedem Geschosse zwei Wohnungen und ist im Innernbehaglich ausgestattet. Das Haus am Leipzigerplatz 15 in Berlin , von Ebe und Bendaentworfen und ausgeführt, zeigt das Mietshaus in vornehmster Ausführung mit zwei nachverschiedenen Straßen gekehrten, verschieden behandelten Frontseiten. Nach der Voßstraßeöffnet sich ein Hof, durch ein monumentales Gitter und mit Figuren geschmücktes Einfahrts-thor abgeschlossen und seitlich durch niedrigere Flügelbauten begrenzt, welche an der Straße inPavillons mit Kuppeldächern endigen. Nach dem Leipziger Platze zeigt sich eine in Sand-stein hergestellte, mit einem Figurenfries bekrönte und durch ein Sandsteingesims vonbemerkenswerter Konstruktion abgeschlossene Fassade. Im Äußern und Innern des Bauessind die Formen der Spätrenaissance zur Anwendung gekommen. — Eine Bereinigungvon Küustlerwerkstätten mit Künstlerwohnungen hat Sehring in dem Hause Fasanen-straße 11 in Charlottenburg ins Leben gerufen. Das Ganze der gesamten Anlage, diesich um einen Gartenhof gruppiert, ist mit Geschick auf malerische Wirkung berechnet undzeigt im einzelnen die Anwendung altdeutscher Formen.

Das mit Wohnungen verbundene Geschäftshaus hat in den letzten Jahr-zehnten, namentlich durch die Bestrebungen der Berliner Architekturschule, eine Reihe rechtgelungener Lösungen auszuweisen, in denen der störende Gegensatz zwischen den unterenübergroßen Schaufensteröffnungen und den über denselben lastenden enger gestelltenFensterpfeilern durch einen organischen Zusammenhang ausgeglichen erscheint. Beispiels-