356
Baukunst der neuesten Zeit: Gebäudcarten.
Unsre neuesten Bahnhofsgebäude haben eine durchaus charakteristische Erscheinung aus-zuweisen. Als Empfangsgebäude der oben bezeichneten neueren Art sind zu nennen: derAnhaltische Bahnhof in Berlin, von Schwechten erbaut, die Bahnhöfe von Metz undStraßburg, von Jakobsthal erbaut, und der Zentralbahnhof in Frankfurt a. M., vonEggert herrührend.
Die Anstalten zur Aufnahme der Alten und Notleidenden, sowie die zur Pflegeund Heilung der Kranken sind in den letzten Jahren bedeutend vermehrt und verbessertworden. Für diese Zwecke haben der Staat, die Kommunen und nicht an letzter Stellewohlthätige Privatleute reiche Mittel zur Verfügung gestellt. Großartig in diesem Sinnesind die städtischen Bersorgnngsanstalten in Stuttgart , welche von Schmidt und Burkhardtentworfen sind und das Bürgerhospital, das Armenhaus, die Armenbeschäftigungsanstalt,sowie das Asyl für Obdachlose in einer umfänglichen, durch Gartenanlagen verschöntenBaugruppe zusammenschließen. Sämtliche Fassaden der Anlage sind anspruchslos, aberbezeichnend gestaltet. — Für den Fortschritt des Krankeuhausbaues in hygieinischer Be-ziehung, besonders was Ventilation, Heizung und Reinlichhaltung anbelangt, gab wiederein französisches Beispiel, das schon früher erwähnte Höpital Lariboisiere in Paris , dieentscheidende Anregung. Eine ganz neue Gestaltung der Krankenhäuser ergab sich ausder Forderung der Isolierung der einzelnen Krankengruppen und brachte das Pavillon-system oder in leichterer Ausführung das Barackensystem zur Aufnahme. Mit dieserForm scheint man indes wirklich das Ideal eines die Genesung fördernden Krankenhauseserreicht zu haben. Ein vortreffliches Beispiel einer großen Anlage nach dem Pavillon-system bietet das im Friedrichshain zu Berlin von Gropius und Schmieden in schlichterZiegelarchitektur erbaute städtische Krankenhaus. — Die Irrenanstalt in Dalldorf beiBerlin , von Blankenstein herrührend, bringt durch die Lage der Baulichkeiten in park-artiger Umgebung eine gewisse Behaglichkeit hervor, welche so wesentlich zur Genesungder Gemütskranken erforderlich ist und in einen scharfen Gegensatz zu den kerkerartigenfinsteren Räumen tritt, die früher denselben Zwecken gewidmet waren.
Die großartigen Fabrikbauten der Neuzeit beanspruchen ein hohes Interesse, abersie gehören nicht in den Kreis der Architektur. Diese schafft bei den Fabriken nur daszweckentsprechende, der äußeren Form nach mehr oder weniger gleichgültige Gehäuse,während das eigentlich Bedeutende, die innere Einrichtung, in das technologische Bereichgehört. In den folgenden Bänden wird sich vielfach Gelegenheit finden, die wichtigstenFabrikationsstätten, die Anlagen für Gewinnung und Bereitung der Erze, für Ziegel-und Terrakottenfabrikation, für Weberei, für Zucker-, Bier- und Alkoholgewiunung u. a.in ihren Eigentümlichkeiten zu schildern und unsre Leser in die oft großartig angelegtenRäume zu führen, aus denen sowohl der Bedarf des Krieges als die Verbrauchsgegen-stände des täglichen Lebens hervorgehen.
Der stilistische Abschnitt unsrer Schilderung mußte selbstverständlich den Kirchen-banten einen bedeutenden Raum gönnen; da aber auf diesem Gebiete, mehr als aufeinem andern, das traditionelle Herkommen die Herrschaft behauptet, und damit dasHerausbilden neuer Typen, welche sich gegen unsere großen mittelalterlichen Dome geltendmachen könnten, so ziemlich abgeschnitten ist, so wird an dieser Stelle eine kurze Er-wähnung der neuesten Bestrebungen und Ausführungen genügen. Die Grundrißbildungder katholischen Kirchen ist ebenso feststehend wie der Ritus. Allerdings wird auch beidiesen, jetzt mehr als früher, das Erfordernis der Predigtkirche als eine zu erfüllendeBedingung in den Vordergrund gestellt; womit es denn zusammenhängt, daß die sehrlanggestreckten Schiffe, die basilikalen Querschnitte und die Zentralkuppeln in Abnahmegekommen sind. Stilistisch genommen werden für katholische Kirchen die Formen desMittelalters und die der Renaissance in Anwendung gebracht, jedoch findet in Deutschland vorläufig die Gotik den meisten Beifall. Der protestantische Kirchenbau hatte sich eineZeitlang ziemlich rückhaltslos den mittelalterlichen Typen angeschlossen, indes will eineneue Richtung in diesem Verhalten katholisierende Tendenzen wittern und will mit Be-seitigung des abgetrennten Altarplatzes die architektonische Form des Kirchengebändesausschließlich aus den Bedingungen der Predigtkirche entwickeln und aus Gründen der