300 Chemische Industrie: Entwickelung der Chemie.
objektiv und unbefangen seine Art zu schließen war, beweist am besten der Umstand, daßer bereits den Gehalt der Mineralwässer an festen Stoffen lediglich von den aufgelöstenBestandteilen des Bodens, welche das Wasser durchsickerte, ableitete. Neben Libavius , derauch der Verfasser des ersten und auf lange Zeit besten chemischen Lehrbuches gewesen ist,ist aus dem ersten Viertel des 17. Jahrhunderts noch der durch seine chemischen Kenntnisseausgezeichnete Angelus Sala zu nennen. Hervorragender noch als beide ist JohannBaptist v. Helmont (geb. 1577 zu Brüssel , gest. 1644). Er bemerkte als erster, daßdas Volum der Luft abnimmt, wenn ein Körper in ihr verbrennt, eine Beobachtung, derenvolle Bedeutung er aber noch nicht zu würdigen wußte, die jedoch von so großer Wichtig-keit ist, daß ihre richtige Erklärung durch Lavoisier die Grundlage der ganzen heutigenchemischen Wissenschaft geworden ist. Auch verstand er schon recht gut mit Gasen zu arbeitenund einzelne Gasarten sicher voneinander zu unterscheiden. Seine Anschauungen überMetalle sind bereits recht klar, so z. B., daß kein Metall aus einer Flüssigkeit abgeschiedenwerden kann, das nicht vorher schon darin war (Kupfer z. B. aus der Lösung des blauen
Vitriols); ferner: ein Stoffkann zahlreiche Verbindungeneingehen und aus einer in dieandere geführt werden, ohnedaß er dadurch an seiner Eigen-tümlichkeit einbüßt und bei seinemendlichen Ausscheiden ein andersgearteter geworden wäre, als ervorher war.
Der erste bedeutende Chemi-ker, der dann wieder Chemieohne Rücksicht aufMedizin trieb,war Johann Rudolf Glauber (geb. 1604, gest. 1688). Glau-ber hielt sich ziemlich frei vonden Vorurteilen seiner Zeit, undließ sich bei seinen zahlreichenEntdeckungen durch sie nicht be-irren, welche uns sein fruchtbaresBeobachtungstalent, das ihn vorallen anderen auszeichnet, er-kennen lassen. In der Erklärungvieler reinchemischer Vorgängewar er sehr glücklich, und die Schlüsse, die er daraus zu ziehen vermochte, hatten nichtselten hohen praktischen Wert. Durch gegenseitige Einwirkung verschiedener Stoffe auf-einander stellte er eine große Anzahl neuer Verbindungen oder bekannte Körper auf be-quemere Weise dar. Eine derselben, die ihrer arzneilichen Wirksamkeit wegen raschgroßen Ruf erhielt, hat den Namen ihres Darstellers sogar populär gemacht, es ist dasschwefelsaure Natron, welches noch jetzt im gewöhnlichen Leben Glaubersalz heißt. Diechemische Technologie hat auch aus den Glauberschen Vorschriften sehr bemerkbaren Nutzengezogen. Für die Fabrikation des Salpeters, die Darstellung verschiedener gefärbter Glas-flüsse, für die Färberei und die Verhüttung der Erze sind dieselben in gleich ausgezeich-neter Weise fruchtbar gewesen. Auch die Ausnutzung der Bodenschätze suchte Glauber indie Höhe zu bringen, und sein sechs Bände starkes Werk „Deutschlands Wohlfahrt" ist zumTeil eine und zwar die älteste chemische Technologie. Wenn auch Glauber nicht direkt denAnschauungen der Jatrochemie gemäß die Chemie behandelt, so hat er doch mittelbardurch die Darstellung zahlreicher neuer Verbindungen, deren arzneiliche Wirkung sich oftals eine sehr zuverlässige erwies, noch auf die Heilkunde einen namhaften Einfluß ausgeübt.
Glaubers Thätigkeit und die einiger weniger bedeutenden Zeitgenossen bilden nun-mehr den Übergang zur „neueren Chemie". Die rein wissenschaftliche Durchdringung
S0S. Grorg AgricoM,