Möbeltischlerei. 53
Man unterscheidet Arbeiten im massiven und solche im fournierten Holze; beiletzteren wird auf ein minderwertiges Holz, Fichten-, Tannen-, Pappelholz (Blindholz),das Fournier eines edleren Holzes aufgeleimt.
Die Möbeltischlerei beschäftigt sich mit der Anfertigung von Gebrauchs-gegenständen aller Art, die unsere Wohnränme füllen, von der Küchenbank angefangenbis zum reichsten Lnxusmöbel; wir finden hier alle Abstufungen vvm einfachsten Ge-schäftsbetriebe bis zu den höchsten Aufgaben in kunstgewerblicher Richtung. Die Spezia-lisierung auf diesem Gebiete, namentlich in den Großstädten, ist demzufolge eine außer-ordentlich große und weitgehende.
Dieselbe richtet sich teils nach dem verwendeten Materielle (Arbeiten aus weichenHölzern, aus schwarzgebeiztcn Hölzern), teils nach einer speziell kultivierten Stilart(maurischer, englischer, gotischer Stil, deutsche Renaissance u. a.), teils aber nach den zurHerstellung gelangenden, ausschließlich angefertigten Objekten (Kircheneinrichtung, Sitzmöbel,Billards, Billardqueues, Spieltische, Kücheneinrichtnngen, Kontoreinrichtungen, Galanterie-waren, Kassetten, Schreibtische, Uhren, Waschtische, Ausziehtische und dergl.). Als be-sonders wichtig möchten wir die Entstehung von Etablissements bezeichnen, welche sichdie Herstellung hygieinischer Schulpnlte zur Aufgabe gemacht haben; bei dem Aufschwüngeunseres Schulwesens hat man lange Zeit nur die Schulung des Geistes im Auge gehabt,während für die körperliche Ausbildung beinahe nichts geschehen ist, ja, durch unzweck-mäßige Schulbänke geradezu an der Gesundheit der Kinder Schaden angerichtet wurde.Die Folgen waren Kurzsichtigkeit, Verkrümmung der Wirbelsäule u. a. Schweden warunser Lehrmeister in der Herstellung vollkommen entsprechender Schulpnlte; heute ist esauch bei uns besser geworden, es dürfte kaum eine Schule gebaut werden, welche nichtmit gesundheitlich entsprechenden Pulten eingerichtet wird.
In der Möbeltischlerei gelangen alle möglichen Holzarten zur Verwendung; ammeisten benutzt wird Eichen-, Nuß-, Ahorn-, Mahagoni-, Amarant-, Ebenholz. FürVilleneinrichtungen stellt man mit Vorliebe Möbel aus weichem Holze her und zwar ausRottannen-, Lärchenholz und dem leider immer seltener werdenden, schönen Zirbelholze;Farbeneffekte bringt man durch gemischte Verwendung verschiedener Holzarten, dann durchverschiedenfarbige Beizen hervor. Bei der Möbeltischlerei werden alle möglichenDekorations-techniken benutzt (Schnitzerei, Jntarsiaarbeit, Malerei u. a.). Einer besonderen Beliebtheiterfreut sich die Brandtechnik (S. 40); hier bietet sich ein reiches Feld der Thätigkeit fürdie zeichnerische Fertigkeit. Diese dankbare und leicht zu erlernende Dekorationsmethodekann auch von Dilettanten ausgeübt werden und erscheint geeignet, die geschmacklosen undvom kunstgewerblichen Standpunkte ganz zu verwerfenden durchbrochenen Arbeiten (Laub-sägereien) endlich einmal zu verdrängen. Hervorheben möchten wir noch die in neuererZeit wieder eingeführte Schlagtechnik (s. S. 18); diese schon im Mittelaltcr geübte Ver-zierungsart eignet sich prächtig zur Schmücknng von größeren Flächen, ebenso die Wismut-malerei, bei welcher feinpnlverisiertcs Wismut auf einen Klebegrund aufgetragen und mitGoldfirnis und Malerei bedeckt wird. Die Anwendung von Maschinen ist, wie bereitserwähnt, hier, namentlich bei der Kunsttischlerei, nur in beschränktem Maße möglich.
Im allgemeinen kann man mit der rapiden Entwickelung, den unsere Möbelindustriegenommen, vollauf zufrieden sein; technische Fertigkeit und künstlerische Gestaltung derProdukte gehen Hand in Hand, die früher allgemein vorhanden gewesene Neigung, selbstkleinere, nebensächliche Gegenstände geschmackvoll herzustellen und mit irgend einem SchmuckM versehen, nimmt stets zu, so daß wir einer Zeit entgegengehen, in der krasse Ge-schmacklosigkeiten zu den Seltenheiten gehören, und wo wir, selbst bei weniger Be-mittelten, fvrmgerechtes, wenn auch einfaches Mobiliar finden werden.
^ Als Zentren hoch entwickelter Möbelindustrie gelten in Deutschland: Berlin, München ,Dresden, Stuttgart und Köln; in Österreich-Ungarn: Wien und Budapest, Graz, Prag und Brunn.
Ein Spezialzweig der Möbelindustrie und doch eine eigene Industrie für sich bildetdie Fabrikation von Möbeln aus gebogenem Holze. Die Technik des Biegensmassiver Hölzer ist kaum 60 Jahre alt, und heute sehen wir blühende Fabrikwesen mit