Band 
Achter Band. Verarbeitung der Faserstoffe
(Holz-, Papier- und Textilindustrie.)
Seite
239
JPEG-Download
 

239

Die Papiertapete und ihre Geschichte.

einer aus widerstandsfähiger Pappe erzeugten Schablone, die die auf das Papier auf-zutragenden Muster ausgeschnitten enthielt, während der winterlichen stillen GeschäftszeitOrnamente auf zusammen geklebte Bogen, mit denen später schnell ein Raum ausgelegtwerden konnte. Lange Zeit blieb der Beruf des Tapezierers daher auch in Händen derMaler und wird gegenwärtig in kleineren Orten noch von denselben ausgeübt, wenn-schon die Selbstanfertigung von Tapeten wohl nirgends mehr stattfinden dürfte.

Die mit dem Pinsel schablonicrten Muster genügten den Anforderungen bald nichtmehr, da sie an den Stößen unvermeidlich Absätze in den Farben auswiesen. Als einbesseres Verfahren bot sich der Druck mittels des hölzernen Handmodels. Dieser bildeteine sehr alte Technik, die gerade während des 15. Jahrhunderts durch den Bilddruckund durch die in Bayern aufblühende Spielkartenfabrikation neue Anregungen erfahrenhatte. Gleichzeitig gestattete der Modeldruck eine mannigfaltige Entwickelung des Musters,das nun bald reicher gestaltet werden konnte. Als dann um die Mitte des 16. Jahr-hunderts durch die Engländer größere Mengen von chinesischen Bilddrucken importiertwurden, benutzten reiche Kaufleute der Originalität halber auch diese mit der Hand aus-gemalten kleinen Papierbogen als Tapeten. Hiernach steigerten sich auch die Ansprüchean die heimischen Tapeten von neuem, so daß man zumal in England und Frankreich begann die mit dem Model aufgedruckten Musterungen durch Handmalerei noch weiter-auszuführen.

Obschon somit im Lauf der Zeit manche Verbesserungen die Tapetenfabrikation ver-vollkommnen halfen, so hielt sich die Herstellung doch in verhältnismäßig engen Grenzen,bis ihr gegen Ende des 17. Jahrhunderts durch die aufblühende Industrie der Kattun-druckereien ganz neue Fingerzeige zur ferneren Entwickelung erwuchsen., wonach JohannHanntsch in Nürnberg sogar seit 1670 versuchte, Tapeten fabrikmäßig herzustellen. Alsman aber die beim Kattundruck angewandte Technik des Walzendruckes auch für dieTapeten einzurichten strebte, scheiterten alle Versuche, da sich das Papier immer nur ineinzelnen Bogen von sehr beschränkter Größe und nicht wie Kattun in einem viele Meterlangen Stück fabrizieren ließ; auch durch das Aneinanderkleben der Bogen zu größerenLängen war kein befriedigendes Resultat zu erzielen, weil die geklebten Papiere Faltenwarfen und weil sich infolgedessen ein gleichmäßiges Bedrucken als unmöglich erwies.Trotz dieser Mißerfolge wurden indes die Versuche fortgesetzt, und speziell war es derunternehmende Kattundrucker Johann Zuber aus Mühlhausen , der sich nicht abschreckenließ, dennoch im Jahre 1790 nach Rixheim überzusiedeln und dort die erste Tapetenfabrikim eigentlichen Sinne des Wortes zu gründen, eine Fabrik, die im gegenwärtigen Jahreihr hundertjähriges Bestehen gefeiert hat und noch immer Hervorragendes leistet.

Zuber ist der erste gewesen, der versucht hat, das Aneinanderkleben der Papier-bogen fabrikmäßig zu betreiben. Er ließ zu diesem Zweck eine große Anzahl derselbenum je etwa einen halben Zentimeter gegen einander verschoben auf den Werktisch aus-breiten, eine Manipulation, für die das Wort echelonnieren in Aufnahme kam. Fürdie Herstellung der ersten Walzen gewann er einen deutschen Gvldarbeiter, den ZiseleurSchütz aus Hannover . Die Walzen waren aus Kupfer, und das Muster wurde in dieOberfläche eingraviert. Da aber alle Walzendruckversuche fehlschlugen, kehrte Zuber zumModeldruck mit Handformen zurück und machte sich wenigstens die keineswegs unbedeutendenVorteile zu nutze, die sich durch sein Echelonnierverfahreu für diesen erreichen ließen.

Inzwischen wurden, wie schon aus dem Abschnitt über Papierfabrikation bekanntist, immer neue Versuche zur Gewinnung von endlosem Papier gemacht. Schließlichwar Louis Robert, ein Arbeiter der Francois Tidotschen Fabrik bei Paris der erste,dem es im Jahre 1799 gelang, hierfür ein Verfahren zu erfinden. Er erhielt von derfranzösischen Regierung, die die Tragweite seines glücklichen Gedankens schnell erkannte,eine Belohnung von 8000 Frank und den Patentschutz. Da aber die damaligenpolitischen Verhältnisse eine einträgliche Ausnutzung der Erfindung in der Heimat nichtzuließen, so begab sich Tidot mit seinem Schwager John Gamble 1801 nach London underwarb auch das englische Patent. Dieses übernahmen 1804 die Gebrüder Henry undSealy Fourdrinier, richteten noch im selben Jahre in Twowatcrs eine Fabrik ein und