443
Verwendungsgcbiet der Wirkwaren. Die Wirkereiiiidustrie.
Das Wachstum der Wirkwarenindustric ist recht deutlich aus der Zunahme der An-zahl Wirkstühle zu ersehen, über welche im Gedurtslande England eine Reihe statistischerTaten vorliegen. Wie aus der geschichtlichen Einleitung bekannt, baute Willickm Leeseinen ersten Stuhl im Jahre 1580. Nach Roucn und Paris übergesiedelt, ward er derBegründer der französischen Wirkereiindnstrie. Sein Bruder James kehrte mit siebenStühlen wieder nach England zurück und zwar nach London .
Von hier ans verbreitete sich die Kenntnis der Wirkerei über England und zwarhauptsächlich nach Nottingham und die Grafschaften Leicester und Derby. Der erste Stuhlarbeitete in Leicester 1670, im Jahre 1750 standen dort allein 1800 Wirkstühle. InLondon gab es 1695 deren 1500, 1727 bereits 2800 und 5500 in den Provinzen. Imganzen Vereinigten Königreich betrug die Zahl der Strumpfwirkerstühle in der Mitte des18. Jahrhunderts 14000, Anfang des 19. schon 30 000, in der Mitte dieses 40000 Hand-stüble. Seither ist ihre Zahl beträchtlich gesunken, da sie größtenteils durch die mecha-nischen Wirkstühle verdrängt wurden. Der Gesamtwert der Wirkwarenproduktion Eng-lands betrug im Jahre 1876 ca. 160 Mill. Mark, die Zahl der hierbei beschäftigtenArbeiter und Hilfsarbeiter 150 000.
Was die Exportfähigkeit Deutschlands anbelangt, so ist dieselbe am besten gekenn-zeichnet durch die Zunahme der Ausfnhrmenge in den letzten 15 Jahren. Während die-selbe nämlich 1880 in Strumpfwaren allein ca. 7000 t betrug, ist sie 1895 auf mehrals das Doppelte, nämlich über 15 000 t angewachsen. Die Ausfuhr an Geweben stiegim selben Zeitraum von 38 000 aus 55 000 t, also weitaus um einen geringeren Prozent-satz. Während 1880 die Strnmpfwaren nur 9"/o aller ausgeführten Textilwaren betrugen,sind sie im Jahre 1895 auf 14°/o gestiegen. Der Wert dieser Ausfuhr betrug 188065 Millionen Mark und ist 1895 auf 106 Millionen angewachsen, während gleichzeitigder Wert der Gewebe-Ausfuhr von 400 auf 375 Millionen Mark zurückging. Der Ge-samtwert der Ausfuhr an Textilfabrikaten Deutschlands ist trotz der bedeutend, nämlichum 50°/tz gewachsenen Mengen infolge des allgemeinen Preisrückganges, nahezu stationärauf 800 Mill. Mark geblieben; der Wert der Wirkwaren betrug jedoch 1880 davon nur8"/g, 1895 bereits 13°/o, welches Anwachsen ungefähr dem Anwachsen der Menge entspricht.
Ausblick in die Zukunft.
Gegenwärtig ist auch in der Strickerei und Wirkerei der Kampf der Handarbeit mitder mechanischen auf allen Linien entbrannt, ja größtenteils schon zu gunsten der letzterenentschieden. Wie sollte denn auch eine Handstrickerin, die täglich höchstens ein Paargrober Strümpfe zu stricken vermag, mit der Strickmaschine, die deren 12 —18 Paar zuverfertigen ermöglicht oder aber ein Strumpfwirker, der in gleicher Zeit auf seinem Stuhle6 — lOPaar wirken kann, mit der Cvttonmaschine, die deren 12 —18 Dutzend produziert,den Wettstreit siegreich bestehen! Die ungeheuere Vervielfältigung der Produktion hatdenn auch dahin geführt, daß heute Handstühle meist in der Bodenkammer ausrangiertstehen und neue Handstühle überhaupt nicht mehr gebaut werden. Der Übergang ist indieser Beziehung viel energischer und vollkommener als in der Weberei geschehen, da voneiner Musterung, wie in letzterer, meist nicht die Rede ist. Wohl konnten natürlich beieinem solch energischen Produktionswechsel Härten nicht vermieden werden, allein dieWunden, die der Fortschritt hierbei schlug, wurden doch an vielen Orten wieder von ihmgeheilt. In dieser Beziehung trat namentlich die Strickmaschine wohlthätig in die Bresche,und indem sie im Hanse des Arbeiters verblieb, machte sie diesem den vollzogenen Wechselweit weniger schmerzlich. Die Großindustrie überläßt daher auch heute an vielen Ortenzum größten Teile noch die Herstellung von Strickmaschineuwaren der Hausindustrie. DerIndustrielle liefert das Material, nimmt die Ware ab und bringt die fertigen Erzeugnisseauf den Markt. Der Arbeiter, dem der Fabrikant die Maschine leihweise überläßt, ver-bleibt in seinem Wohnhause und produziert und hat hierbei beständig regelmäßige Arbeit,somit beständigen Verdienst gewährleistet. Ähnlich ist es bisher an manchen Orten auch beiEinführung der Ruudstühle gewesen. Auch hier hatte der mechanische Stuhl nicht ein Auf-hören der Hausindustrie zur Folge, sondern ähnlich wie oben erwähnt, schafft der Fabrikant
56 *