Band 
Achter Band. Verarbeitung der Faserstoffe
(Holz-, Papier- und Textilindustrie.)
Seite
497
JPEG-Download
 

Geschichtliches, 4Ü7

werden, Muster einer alten und modernen Spitze sind aus den Abb. 50!» und 510 znersehen, Von den hier gefertigten Spitzen sind außer den berühmten points a l'ni§ni1Ionoch die sogenannten Glücksspitzen — Points cle rnaoioo — zn erwähnen, so genannt, weiles gewissermaßen ein Glück war, wenn die Herstellung überhaupt gelang, woraus auf dieMühseligkeit der Anfertigung geschlossen werden kann. Außer Brüssel sind für die Nieder-lande noch zu nennen Mccheln, wo die berühmten MalincS hergestellt wurden, dannGent, Brügge, Evnrtrap, Binchc, fchpern, Antwerpen , wo unter andern auch die ckentsUes<>s pol a llour8 gemacht wurden; deshalb so geheißen, weil im Ornamente die Formeines Blumentopfes häufig znr Darstellung gebracht wurde.

Als das dritte Land, aus dessen Boden die Spitzenerzcngnng außergewöhnlicheTriumphe feierte, ist Frankreich zn nennen, dessen Spitzen auch jetzt noch eine ersteStelle behaupten. Frankreich scheint die Kunst der Spitzenerzcngnng von Italien über-kommen zn haben, wie aus einem 1530 herausgegebenen Musterbuch von I. Nyverd zuschließen, daS ausschließlich orientalische und italienische Muster enthält» ebenso zeigenauch andere, namentlich in Lyvn herausgegebene Musterbücher den vorherrschenden Ein-fluß Italiens, welcher jedoch später durch den sich immer mehr ausbildenden französischen

> 22 ^

5!0. Moderne Arnil'cicr Spitrenkantc.

Geschmack besiegt wurde. In dieser Zeit wurde die Spitzenarbeit namentlich durch dasTragen von Halskrausen, der sogenannten traisos — Kalbsgekröse — gefördert, die sichallmählich so erweiterten, daß der Kopf wie auf einer Schüssel saß und die Suppe mit zweiFuß langen Löffeln gegessen werden mußte. Es folgte unter Heinrich III. , der 4000 Ellenfeine Goldspitzcn an seinen Anzügen verwendet haben soll, in der zweiten Hälfte des 16. Jahr-hunderts der niedergeschlagene Kragen — ool radattn — wobei große Manschetten, dickeRosen an den Stiefeln und Strumpfbändern getragen wurden, wozu reichlich Spitzenin Verwendung kamen. Alles dies wurde jedoch unter Ludwig XIII . und XIV. über-boten. Jlg sagt: „Während die Regierung durch unaufhörliche Steueredikte die Un-zufriedenheit allerorts erregte, so daß der Generaladvokat Omer-Talon der Königin ent-gegen rief: Seit zehn Jahren ist das Land ruiniert, die Bauern liegen auf Stroh, ihrGerät ist verkauft und die Unglücklichen müssen von Haferbrot leben, — währenddemgefielen sich die Stutzer von Paris , die Straßen der berüchtigten Kotstadt mit hohenStiefeln zn durchwaten, deren außerordentlich weite Hälse mit ganzen Knäueln kostbarergenueser Spitzen, beiläufig wie eine Base mit dichten Blumensträußen, angefüllt waren."Diese Spitzenmanie kam aber doch hauptsächlich nur dem Auslande zugute, da die ein-heimische Industrie noch zn wenig entwickelt war; erst durch Mazarin und insbesonderedurch den genialen Finanzminister Colbert kam Ordnung und Leben in dieses Kunst-gewerbe. Es wurden zahlreiche Schulen errichtet, in welchen aus Italien verschriebene

Buch der Erfind. VIII.