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Achter Band. Verarbeitung der Faserstoffe
(Holz-, Papier- und Textilindustrie.)
Seite
471
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Stickerei und Spitzenfabrikation.

Die Stickerei.

^as Sticken ist eine der bekanntesten, verbreitetsten, znr Verzierung und Schmückungvon Flächen und Flächcnkanten dienenden Arbeiten, deren Kenntnis und Aus-übung in das früheste Altertum zurückreicht und deren Begriff ich dem Leser,namentlich aber der holden Leserin, nicht erst auseinanderzusetzen brauche, dennunzweifelhaft hat jede schon einmal, wenn auch nur vielleicht flüchtig, die Stick-uadel in der Hand gehabt, um das äußere Ansehen eines Kleidnugs- oderWäschestückes, eines Möbels, eines Tischläufcrs oder Schutztuches, eines Notizbuches odereiner Zigarrentasche, und wenn alles dies nicht, so doch zum mindesten eines Pantoffelsdurch einige in bunter oder weißer Stickerei ausgesührte Ornamente zu verschönern. Soweit mehr oder weniger zarte Franenhände walten, vorn Palast bis zur ärmlichsten Hütteherab, ist die genannte Arbeit bekannt: dort zum Schmucke des Heims, hier zum Erwerbdes täglichen Brotes verwendet. Sie zählt seit Jahrtausenden zu den beliebtesten Be-schäftigungen der weiblichen Mitglieder der Familie, bei allen Völkern der Erde, ist abererst im 19. Jahrhunderte zu einem regelrechten Gewerbe, zu einer Industrie heran-gebildet worden, die Tausende von Menschen ernährt.

Geschichtliches.

Aus Kunstdenkmälern und wenigen erhaltenen Resten geht hervor, daß schon dieBabylonier, Phrygier und Ägypter zwei der noch heute üblichen Stickarten kannten, näm-lich den Platt- und den Kreuzstich; der erstere war bei den Assyrern und Babylouieruder herrschende, wie er auch noch heutigestags in Asien — China und Indien —vorzugsweise angewendet wird, während der Kreuzstich namentlich bei den Ägyptern be-liebt war, wie dies aus der Abb. 475 zu ersehen ist, die eine in dem Innern eines Grabeszu Saguara in Ägypten gefundene und daher wahrscheinlich über 6000 Jahre alte Leinen-stickerei in Kreuzstich zeigt, die auf einer Tunika aufgenäht war. Der Plattstich ist sehrwahrscheinlich die ältere Art des Stickens und hat sich unmittelbar aus der Naht, alsoaus dem Nähen entwickelt, das ja ebenfalls nebeneinander liegende Stiche ausweist. Dieersten gemusterten Gewebe sind unzweifelhaft gestickte Gewebe gewesen, da die Bunt- oderMusterweberei, als die um vieles schwierigere und kompliziertere Arbeit jedenfalls jüngerenDatums ist; auf diese erst dürfte das Sticken im Kreuzstich gefolgt fein.

Die Griechen bezeichneten die Arbeit des Stickens mit xoiüillo; die Kunst der Stickereimit xoiLitia oder poiüiltiüs; gestickte Gewänder nannten sie poiüilmata, den Sticker xoi-lvilsus. Bei den Römern heißt das Sticken aou xinxsro, d. h. mit der Nadel malen;die Stickerin, meist eine Sklavin, wird ornatrix genannt. Dieselben unterschieden auchdie Platt- von der Kreuzstichstickerei, indem sie diese letztere opus pllrvAionium, phry-gische Arbeit, die erstere opus ptuumrium nannten. Diese letztere Bezeichnung ist nichtganz klar, man glaubt, dieselbe stamme daher, daß die Stiche der Plattstichstickerei in ihrerNebeneinanderlage eine Ähnlichkeit mit den einzelnen Fasern des Fedcrbartes haben,