634
Gewinnung und Verarbeitung des Leders.
auch verschiedene Patente, nach welchen bei Behandlung Vvn Torf, Kohle und ähnlichenProdukten mit Kalilauge oder mit Salpetersäure Produkte entstehen sollen, die sich zumGerben von tierischen Häuten eignen. Diese Substanzen, welche von den Erfindern alskünstliche Gerbstoffe oder als Pprofusciu bezeichnet werden, haben jedoch bisher wegenihrer unbefriedigenden Wirkung keinen Eingang in die gerberische Praxis gesunden.
Der vegetabilische Gerbstoff ist im lohgaren Leder ziemlich fest gebunden undwird von der Haut sehr hartnäckig festgehalten, so daß bei der Behandlung des Ledersmit Wasser nur geringe Mengen Gerbstoff wieder entzogen werden können. Die Ge-wichtsmenge des Gerbstoffes, die tierische Haut im Maximnm aufzunehmen vermag, istgleich der Gewichtsmenge der in der Blöße enthaltenen Hauttrockensubstanz. DiesesMaximnm kann nnr erreicht werden, wenn die Blöße zunächst in gerbstoffarme und erstnach und nach in immer gerbstoffreichere Lösungen gebracht wird; es dürfen im Anfangenicht zu starke Gcrbstofflösungen angewandt werden, und auch nicht zu Plötzliche und zustarke Steigerungen im Gerbstoffgehalt stattfinden, weil sonst der äußere Teil der Hautplötzlich sehr intensiv angegerbt wird und alsdann die Gerbstofflösnngen nicht mehr inden inneren noch ungegerbten Teil der Haut eindringen können; der Gerber bezeichnetdiesen Umstand als „totgegerbt". Man trägt diesen Punkten, welche als die Grundregelnder Lohgerberei zu betrachten sind, bei dem ursprünglichen Gerbeverfahren nicht genügendRechnung, allerdings weniger auf Kosten der Qualität, welche trotz der unzweckmäßigenMethoden der alten Gerberei meist eine gute zu nennen ist, aber sehr stark aus Kostender Zeit. Man kann unter Einhaltung dieser Grundregeln Leder in wesentlich kürzererZeit als bisher herstellen, ohne daß die Qualität eine Einbuße erfahren muß, wie diesjetzt in vielen Kreisen fälschlicherweise angenommen wird.
Wie bereits angedeutet wurde, kommt den Säuregehalten der Gerbebrühen einewesentliche Bedeutung beim Gerbeprozesse zu. Ein hoher Säuregehalt wirkt auf die Haut,besonders in den ersten Stadien des Gerbprozesses, stark aufquellend („schwellend") undhat zur Folge, daß das Leder fest und steif wird; man wird deswegen dort, wo es aufdie Erzielung eines solchen Produktes ankommt, wie beim Sohlleder «besonders beim ge^schwitzten), anfangs starksanre Brühen (sogenannte „Schwellbrühcn" oder „Schwellfärben") anwenden. Die übrigen Lederarten sollen nicht so fest und starr werden,sondern eine mehr oder weniger große Weichheit und Geschmeidigkeit besitzen; man wirddeswegen bei diesen Lederarten im Säuregehalte um so mehr heruntergehen, je weicherdas Leder werde» soll. Die Oberleder, besonders die Kalbleder, werden aus diesem Grundemit Brühen von sehr geringem Säuregehalte gegerbt; das hierbei auftretende geringeSchwellen des Hautmaterials bezeichnet der Gerber als das „Aufgehen". Die Haut istnamentlich im Anfange des Gerbprozesses, solange sie noch wenig Gerbstoff absorbiert hat,am empfindlichsten gegenüber der Einwirkung von Säuren, und man muß daher in diesemStadium den Säuregehalt am meisten regeln, während er in den letzten Stadien vongeringerem Einflüsse auf die Eigenschaften des Leders ist. Der Gerber unterscheidet, enEsprechend den verschiedenen Säuregehalten der Brühe, saure und süße Gerbung;unter letzterer ist jedoch nicht etwa eine solche unter vollständigem Ausschluß von Säure,sondern eine Gerbung unter Verwendung schwachsaurer Brühen zu verstehen; die neuerenGerbeverfahren, welche den Gcrbeprozeß in wesentlich kürzerer Zeit mit Hilfe von gerb-stoffreichen, aber an Säurebildnern armen Gcrbmaterialien durchführen, gehören zursüßen Gerbung, da bei denselben die Brühen verhältnismäßig wenig Säure enthalten.
Bei der Lohgerberei kann man zwei Hauptmethoden unterscheiden, und zwar dasVersetzen in Lohgruben (Grubengerbung) und das Einhängen oder Bewegen inGerbebrühen, die durch Extraktion von Gerbmaterialien erhalten werden (Brühen-gerbung, Schnellgerberei oder Extraktgcrberei). Bei der ersteren, welche die ursprünglicheMethode ist, werden die Blößen, nachdem sie zuvor in Sauerbrühen (das sind sänrercicheund gerbstoffarme Brühen) genügend geschwellt oder eventuell in dünnen Gerbebrühenschwach angegerbt sind, mit dem zerkleinerten Gerbmaterial abwechselnd in die Grubeneingeschichtet, mit Wasser oder Sauerbrühe übergössen und in diesem Zustande mehrereMonate stehen gelassen (1. Satz). Hierauf werden sie herausgenommen und nochmals