37
Kanal- und Wegcbauten. Erfindung der Eisenbahn.
Die Eisenbahnen haben zwar den Landstraßen ihre Bedeutung als Verbiudungs-inittel aus ausgedehnten Entfernungen geraubt, aber man irrt sehr, wenn mau glaubt,daß diese Verkchrsvermittler vollständig überflüssig geworden sind und der Straßenbauselbst eine Einschränkung erfahren hat. Die Landstraßen dienen zwar vielfach nicht mehrzum Transport schwerer, weit zu befördernder Lasten, aber sie haben als Zubringer derEisenbahnlinien und als Berbindungswege der einzelnen Orte untereinander außerordentlichan Bedeutung gewonnen. Als Beweis kann die Thatsache gelten, daß z. B. in Teutsch-land sich die Zahl der Landfuhrwerke nicht vermindert, sondern sogar erheblich vermehrthat. In Baden hat der Verkehr anf den Landstraßen in der Zeit von 1851 — 1873 aus83 derselben zugenommen oder wenigstens nicht abgenommen, und nur für 17 °/g derStraßen ist eine Verringerung des Verkehrs festgestellt worden. Letztere Straßen lausenmeistens Eisenbahnlinien parallel. Ten deutlichsten Beweis der zunehmenden Bedeutungder Straßen liefert jedoch das immer dichter werdende Landstraßennetz selbst. Welcheerhebliche Mittel auf den Ausbau und auf die Unterhaltung der Straßen verwendetwerden, ergibt sich beispielsweise daraus, daß in Preußen die Wegebaukvsten von 1876bis 1891 rund 445 Millionen Mark betragen haben.
Während Frankreich am Ende des vorigen Jahrhunderts 26 000 Icm Hauptstraßenbesaß, zählte es im Jahre 1870 etwa 86 000 ßin solcher Straßen, und außerdem be-standen 240 000 ßur Vicinalstraßen, durch welche alle Dörfer untereinander in Ver-bindung gesetzt waren.
Für Deutschland ist über die Wegcbauten einzelner Bundesstaaten daS folgende anzuführen.In Preussen gab es nach den Befreiungskriegen nur 3150 km Chausseen, davon ent-fielen aus Ostpreußen kaum 10 bin. Seit dem Jahre 1876 sind sämtliche Staatsstraßen denProvinziell- resp. den Kommunalverbändcn überwiesen. Die Gesamtlänge der Kunststraßcnbetrug zu diesem Zeitpunkte rund 65 000 bm. Bis zum Jahre 1891 war dieses Netz auf86 500 Irrn angewachsen. Am dichtesten ist das Straßennetz in der Provinz Hessen-Nassau ,am wenigsten verzweigt ist es in Pommern und Ostpreußen. Sachsen hat 3642 bm Staats-straßen. In Württemberg besaß das Staatsstraßcnnetz im Jahre 1895 eine Länge von2728 bm. Baden erfreut sich hinsichtlich seiner Landstraßen mit Recht eines besonderenRufes. Bis zum Jahre 1898 hatten die KrciSslrahcn eine Länge von 1187 und die KrciS-gemeindewege eine solche von 4993 bm erreicht. In Hessen umsaßte das Kunststraßennetzim Jahre 1896 Staatsstraßen von I86> und Kreisstraßen von 2322 lrm Länge. Bayern besitzt Staatsstraßen von 7000 lern Länge, daneben bestehen 16 890 bm Tistriktstraßcn.
Mit Recht wird die Erfindung der Eisenbahn immer wieder mit den schönstenWorten gepriesen, gehört sie dock unstreitig zu den weittragendsten Leistungen desmenschlichen Geistes, und sie ist als der mächtigste Knlturhebel des modernen Zeitalterszu bezeichnen. In der Geschichte der Zivilisation wird der Entwickelung des Eisen-bahnverkehrs stets ein hervorragender Platz gesichert bleiben. Erst sieben Jahrzehntesind dahingegangen, seitdem das Dampfroß zum erstenmal fauchend über die eiserneBahn eilte, und schon kann behauptet werden, daß zu keiner Zeit je eine so gewaltigeUmgestaltung in allen Verhältnissen der Menschen bewirkt worden ist. Zutreffend hatBuckle in seiner „Geschichte der Zivilisation" gesagt: „Die Lokomotive hat mehr gethan,um die Menschen zu vereinigen, als alle Philosophen, Dichter und Propheten vor ihr seitBeginn der Welt." Der eiserne Kanzler, Fürst Bismarck, sprach am 1. April 1890die Worte: „Es sind in unserer Zeit zwei Pole, um welche sich die materielle Entwickelungbewegt, Kohle und Eisen. Die Verschmelzung, die Zusammenwirkung dieser beidenElemente ermöglichte das Eisenbahnwesen, ohne dasselbe würde diese enge Verbindungnicht stattfinden. Erst durch dieses Beförderungsmittel ist die ganze moderne Entwickelungbewirkt worden, und so sind die Eisenbahnen, ihre Leiter und Beamten die eigentlichenTräger der Kultur." Durch die Eisenbahn ist nicht nur das Wissen vermehrt undverbreitert, sondern auch ein starker Einfluß auf die gesellschaftlichen Zustände aus-geübt worden.
Die Verbindung der Menschen untereinander hat durch die eingetretene außer-ordentliche Verbilligung und Erleichterung des Reifens, wie nicht minder durch die er-mäßigten Postgebühren eine früher für undenkbar gehaltene Förderung erfahren. Durchdie Eisenbahnen ist es erst für den größeren Teil der Menschen möglich geworden, aus