Ausdehnung der Bahnen. Fluß- und Seeverkehr. 49
Landstraße keineswegs mit den Eisenbahnen verschwunden ist. Der gegenwärtige Verkehrauf den Landstraßen hat jedoch gegen die gute alte Zeit eine weitgehende Veränderungerfahren und ist in einer weiteren Umwandlung begriffen. In immer stärkerem Maßemacht auch er sich die neuesten Erfindungen zu nutze, und statt der früheren ausschließ-lichen Verwendung von Zugtieren sehen wir bereits Dampf- und andere Motorwagenin Benutzung. Daneben bemächtigen sich die Kleinbahnen immer mehr der Kunst-straßen. Sie durchziehen in großer Zahl die engen gewerblichen Thäler, die bergigenGegenden und beginnen sich auf den Straßen der Niederungen auszubreiten. DieseKleinbahnen besitzen in der Regel keinen besonderen Bahnkörper, sondern die Schienensind direkt in der Landstraße eingebettet.
Wie der Landverkehr, so hat auch der Verkehr auf dem Wasser durch die Aus-nutzung der Dampfkraft mannigfache Veränderungen erlitten. Die Ansnutzbarkeit derFlußläufe erfährt durch Regulierungen oder Kanalisierungen eine stete Vergrößerung,wie auch in vielen Ländern die Anzahl der künstlichen Wasserstraßen, der Kanäle, einebeständig wachsende ist. Dem Seeverkehr hat die Dampfkraft gleichfalls ihren Stempelaufgedrückt, welcher Einfluß auch aus den eingetretenen Veränderungen der diesem Verkehrdienenden Anlagen deutlich erkennbar ist.
Während die Unsicherheit der früheren Zeiten den Kaufmann zwang, seine Warenunter eigener Obhut und meistens mit Waffengeleit an den Bestimmungsort zu schaffenund in gleicher Weise mit den am Tauschplatze eingenommenen Waren zu verfahren, istdas heutige Bild des Wassertransports ein vollständig anderes. Nicht nur war früher dieAbwickelung der Geschäfte, infolge der unausgebildeten Transportmittel und des un-entwickelten Nachrichtenwesens, eine weit langsamere und schwierigere, sondern auch dasRisiko des Geschäftes war bei dem Fehlen des Versicherungswesens und des Bankwesensein weit größeres. Es war daher eine durch die Verhältnisse bedingte Erscheinung, daßlange Zeit der überseeische Handel sich in wenigen Händen befand. Nur der Besitz eigenerSchiffe gab dem Kaufmann die Gewähr einer Verschiffung seiner Güter in einer seinenInteressen entsprechenden Art und Weise. In diesen Verhältnissen ist heute durch die auchhier eingetretene Arbeitsteilung ein vollständiger Umschwung eingetreten. Neben demKaufmann haben die Transportunternehmer, der Spediteur, der Bankier undder Assekurateur eine selbständige Bedeutung erlangt. Juden Seestädten war der Kauf-mann der alten Zeit meistens auch Reeder. Einerseits war er hierzu, wie oben bemerkt,durch die Verhältnisse gezwungen, anderseits gestattete das verhältnismäßig einfache undnicht sehr kostspielige Schiffsmaterial eine solche Geschäftsverbindung. Mit der fort-geschrittenen Dampfschiffahrt, dem Anwachsen der Schiffszahl und deren Fassungsvermögenist die Aktienreederei immer mehr in den Vordergrund getreten, und das Reedereigeschästhat sich zu einer eigenen Geschäftstätigkeit entwickelt.
Die Steigerung des Handelsverkehrs und die Veränderungen in den Formen desHandels stellen große Anforderungen an die Ausstattung der Häfen. Sowohl hier-durch, wie nicht minder infolge der durch die Eisenbahnen und die Dampfschiffahrt direktbewirkten Beschleunigung des Verkehrs hat die Ausgestaltung der Seehäfen eine gegenfrüher vollständig veränderte Form angenommen. In den früheren Jahrhunderten dientendie Seehäfen vorzugsweise als Stapelplätze für alle Arten Waren, die aus allen Teilender Erde eingeführt wurden und für längere oder kürzere Zeit in den Speichern derSeestädte lagerten. Diese Speicher lagen in großer Zahl an kleineren Flußarmen, undsie boten in vielen Städten ein sehr malerisches Bild, von dem sich hier und da nocheinzelne Teile erhalten haben (s. Abb. 21).
Die Schiffe waren klein und hatten einen geringen Tiefgang. Sie bedurften keinerbesonderen Landungsstellen, da die Waren an Bord des Schiffes verkauft und mit Kähnenans Land gebracht wurden. Noch im Jahre 1793 betrug die Gesamtlänge der Londoner Kaianlagen nur 3676 Fuß (ea. 1100 ins gegen eine heutige Länge von ca. 45 000 m.Nach einer indischen Reise takelten die Schiffe nicht selten ab, es dauerte Wochen, oftMonate, ehe die Ladung gelöscht war und eine neue Reise angetreten wurde. Selbst dieOstseesahrer überwinterten nicht selten in den Häfen, in denen sie beheimatet waren. Die
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