Band 
Neunter Band. Der Weltverkehr und seine Mittel. Erster Theil.
Seite
127
JPEG-Download
 

127

Der große Gotthardtunnel.

abführuug wegen erforderlich. Der Tunnel ist bis auf ein kurzes Stuck am Südcnde gerad-linig durchbohrt. Sieben Jahre und fünf Monate waren die Minenre auf beiden Seilenin angestrengtester Arbeit thätig gewesen. Als dann endlich der Durchschlag ties ini Ge-birge — 7800 rn von der Nordmünduug entfernt — erfolgte, da wichen die Mittelliniender Tunnelhälsten sowohl in der Breite wie in der Höhe nur wenige Zentimeter von-einander ab, ein gewiß glänzendes Ergebnis und ein tadelloses Zeugnis sowohl für diesorgfältige trigonometrische Vermessung der Tunnellinie, bei der sogar der Polarstern alsunverrückbarer Punkt herangezogen war, als auch für die genaue Festlegung der Achseim Tunnelinneren.

Auf die hochinteressanten Arbeiten im Tunnel, zn denen ein ganzes Heer von Arbeiter»herangezogen war, näher einzugehen, ist nicht Zweck dieser Arbeit. Es genüge hier anzu-führen, daß zeitweilig die Arbeiten durch Wasferandrang sehr erschwert wurden. Es wurdeneinmal Wasseradern angeschlagen, die 1200 ekrü in der Stunde lieferten. An anderen Stellenwiederum war der Druck des Gebirges so gewaltig, daß die ungcmciu starke Holzzimmernngwiederholt zerknickt, die Ausmauerung später zerstört wurde. Namentlich unter der Ander-matter Gegend war dieser Druck besonders heftig. Die Gewölbemaucruug von l in Stärkewurde dreimal zertrümmert, bis man sie im Scheitel 1,4 m und im Widerlager 2'rn dickaus hartem Granit herstellte. Sodann war die Wärme im Tunnel lästig. Sie nahm niitwachsender Länge desselben zu. Als Verfasser 1878 die Bauarbeiten besichtigte, herrschte ineinem Abstände von etwa 8 lcm vom Nordeingange bereits eine Temperatur von 23" 0.(Die Verschiedenheit der Außentemperatur hat, wie sich auch jetzt wieder im Eigertuuncl ge-zeigt hat, keinen nennenswerten Einfluß auf die Wärme im Tunnel, solange dieser nichtdurchgeschlagen ist). Nahe der 1700 m hoch vom Gebirge überlagerten Tnnnclmittc stieg dienatürliche Gesteinswärme später auf ungefähr 31" 6. Die Lustwärme steigerte sich hier infolgeder menschlichen Thätigkeit lSprenggase, Lampenlicht n. s. w.) aus ungefähr 34" O. bei —5"Außentemperatur. Die Tnnnclarbeitcr konnten auch nur sehr leicht bekleidet thätig sein. Diehohe Wärme war ihr ärgster Feind. Nach der Vollendung des Tunnels sank sie infolge dernatürlichen Luftströmung auf etwa 17" 0. im Mittel. Im September 1872 hatten die Arbeitenim Tunnel bei Göschenen aus der Nord- und bei Airolo auf der Südseite begonnen. ImFrühling 1873 nahm die Maschinenbohrung ihren Anfang. Mehrere Tausend Arbeiter —meistens Italiener — waren seitdem ständig in Thätigkeit gewesen. Am Abend des 28. Februar1880 endlich drang der Bohrer einer Bohrmaschine von der Südseite her durch die letztenoch trennende Gcstcinswand: eine Verbindung zwischen den beiden Tunnelhälsten war ge-schossen. Als ersten Gruß vom Suden schickte man das Bild Louis Favres hindurch, desthatkräftigen und sachkundigen Unternehmers der Tunnelarbeitcn, der plötzlich am 19. Juli1879 im Tunnel am Schlagfluß verstorben war. Ihm galt darum dieser stumme Gruß, einrührendes Zeichen der Anhänglichkeit und Anerkennung von feiten seiner ehemaligen Unter-gebenen. Am 29. Februar 1880 fiel sodann die Scheidewand vollends. Der Durchschlag wargeschehen, freudig begrüßt von der ganzen zivilisierten Welt.

Am 1. Juni 1882, nach zehnjähriger Bauzeit, konnte die Gotthardbahn dem Verkehr über-geben werden. Ihr damals 240 üm langes Netz — Jmmeusee-Chiasso und zwei Abzweigungenbei Bcllinzona — hat einschließlich Ausstattung 180 573 000 Mark gekostet, das macht752 386 Mark für das Kilometer. Zu dieser Summe haben die drei an der Bahn inter-essierten Staaten 95,2 Millionen Mark als Zuschuß k loncks percku beigetragen und zwar:

Deutschland.24 Millionen Mark,

die Schweiz .. 24,8 „ „ ,

Italien.46,4 „ „ .

Das übrige ist durch Ausgabe von Aktien und Schuldscheinen ausgebracht worden. Die Gott-hardbahn ist in den letzten Jahren mit einem weiteren Kostenaufwande von 30 MillionenMark zweigleisig ausgebaut und von Jmmensee nach Luzern erweitert worden. Der Kosten-ersparnis wegen war die Bahn nur eingleisig hergestellt worden. Der Einbau des zweitenGleises begegnete besonderen Schwierigkeiten, zumal er ohne Störung des Betriebes bewirktwerden mußte. Nur der große Tunnel war von Haus aus sür zwei Gleise ausgebrochenworden. Die aus ihm entfernte Gesteinsmenge beläust sich auf etwa 800 000 ovm. DieseMasse, auf offene Güterwagen verladen, würde einen Riescnzug bilden, der von Hannover über Köln bis Herbcsthal reichte.

Durch den Bau der Gotthardbahn ist das Eisenbahnwesen ungemein bereichertworden. Die bei ihm gesammelten vielseitigen Erfahrungen haben fruchtbringend auf dieTechnik zurückgewirkt. Vor allem ist dem Tunnelbau, der noch nie zuvor eine solch aus-gedehnte Nutzanwendung gesunden hat, eine ganz besondere Förderung widerfahren. DieFortschritte, die mit der Zeit hierin zu verzeichnen sind, zeigen sich recht deutlich bei dengroßen Tunneln der europäischen Alpenbahnen sowohl in der Länge ihrer Bauzeit, als auchin der Höhe der Baukosten. Nachstehende Übersicht gibt die betreffenden Vergleichszahlen: