Band 
Neunter Band. Der Weltverkehr und seine Mittel. Erster Theil.
Seite
416
JPEG-Download
 

416

Flußläufe und Flußschiffahrt.

zu kämpfen hatte, bis sie sich der Fesseln entledigte. So gab es auf der Oder vonBreslan bis Frankfurt im 14. Jahrhundert keine namhafte Ortschaft, welche nicht durchAnlegung von Wehren und Mühlen den Wasserweg eingeengt oder unbrauchbar gemachthätte. Es war vergebens, diesem Unwesen durch Verordnungen beikommen zu wollen,und es gelang nicht, dem Verkehre die für seine Entwickelung und Hebung so unbedingtnotwendige Erleichterung zu schaffen. Der untere Oderhandel stand jedoch bis zum

16. Jahrhundert in Blüte. Sein Untergang schien unvermeidlich, als die in Selbstsuchtbefangene Politik der Städte vor keinem Mittel zurückschreckte, um ihren Interessen denSieg zu verschaffen. Im Jahre 1467 hatte Stettin das Privilegium erhalten, daß fortankeinem Nichtstettiner die Durchfahrt durch den Stettiner Baum gestattet zu werden brauchte.Mit einer Hartnäckigkeit sondergleichen fetzte Stettin die Sperre der Oder durch, wasgegen Ende des 16. Jahrhunderts zu einem zwanzigjährigen Handelsverbot für die Märkermit Stettin und zu dem Verfalle des unteren Oderhandels führte, ein Prozeß, der durchden Niedergang der Hansa beschleunigt und durch den Dreißigjährigen Krieg vollständigbesiegelt wurde. In diesem Zeitpunkte machte sich Las Bestreben Breslaus und Frankfurts a. d. Oder geltend, ihren Handel mit den an der See gelegenen Städten Lübeck undHamburg ohne Berührung der Stadt Leipzig zu betreiben und womöglich die hohe Land-straße zu vermeiden, deren Endpunkte einerseits Italien , anderseits die Lstseeküste waren.Es kann an dieser Stelle nicht auf alle Einzelheiten des langen Kampfes eingegangenwerden, den die Städte Breslan, Frankfurt a. d. Oder, Leipzig, Lüneburg und Hamburg führten, um die Oder der Schiffahrt zu erschließen oder für dieselbe zu schließen. Ebensowenig können hier alle jene Bemühungen angeführt werden, die ein Jahrhundert hin-durch aufgewendet wurden, um eine schiffbare Verbindung zwischen der Oder und derElbe herzustellen, oder die Anstrengungen im einzelnen geschildert werden, welche Frank-furt a. d. Oder machte, um die Schließung der Oder durchzusetzen. In den Verhältnissenlag es begründet, daß die freie Stromfahrt aus der Oder in Vertrügen aus den Jahren 1646und 1657 auf je zehn Jahre bewilligt wurde. Auf der oberen Oder kam die Schiffahrtin der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu großer Blüte. Viele Waren, welche dieElbe hinauf oder hinab transportiert wurden, legten auf der Oder einen Teil des Trans-portes zurück. Deshalb stellte Breslan im Jahre 1648 die Verbindung der Oder mit derSpree als einen sehr wesentlichen Vorteil für seinen Handel dar. Bis jedoch die Schiffewirklich aus der Oder in die Elbe fahren konnten, verstrichen noch zwei Jahrzehnte. Aufdie Geschichte dieser künstlichen Schiffahrtsstraße, der Graben genannt, wird in demAbschnitte „Schiffahrtskanäle" zurückzukommen sein.

An der Elbe herrschten dieselben traurigen Zustände. Die Zahl der Zollstättenbetrug an diesem Strome zeitweilig 35. Auf der unteren Elbe sorgte Hamburg für eine gute Bezeichnung des Fahrwassers durch Bauten und Tonnen. Elbaufwärtswar der Handel nicht nur durch die erwähnten Zollstätten, sondern auch durch die Stapel-rechte vieler Städte außerordentlich beeinträchtigt. Namentlich durch den mächtigen Ein-fluß von Lüneburg wurde die Schiffahrt auf der Elbe derart gehemmt, daß der Waren-transport nach Magdeburg und nach der Oberelbe den Landweg über Lüneburg nehmenmußte. Südlich von Magdeburg wurde die Elbe durch das Leipziger Stapelrecht gesperrt,so daß es nur thalwärts von Magdeburg Elbschiffahrt gab. Um eine Änderung der trau-rigen Verhältnisse herbeizuführen, schloffen im Jahre 1538 Hamburg und Magdeburg einen Vertrag zur gegenseitigen Unterstützung in der Förderung des Elbhandels ab. Weitmehr jedoch noch als durch diesen Vertrag erfuhr Hamburgs Handel durch die infolge derbereits erwähnten Stapelstreitigkeiten zwischen Stettin und Frankfurt a.d.O. im Jahre 1570herbeigeführte Schließung der Schiffahrt auf der Unteroder eine bedeutende Förderung.Der Handel Breslaus zog sich fast vollständig nach Hamburg . Der Große Kurfürstförderte diesen Handel durch den Müllroser Kanal noch weiter. Bis über die Mitte des

17. Jahrhunderts hinaus hat Hamburg den ganzen märkischen Handel beherrscht, auchdie Schiffahrt Berlin-Hamburg lag fast ganz in dessen Händen. Durch die Schaffung desMüllroser Kanales erhielt die Schiffahrt zwischen den beiden genannten Städten eineerhöhte Bedeutung. Die Mißbräuche und die mancherlei Übelstände, welche sich in dem