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Die graphischen Künste.
Ist alles soweit vorbereitet, so beginnt die eigentliche Arbeit des Kupferstechers,das Eingravieren der Zeichnung und Schattierung in die Platte mittels der Grab-stichel, die in verschiedenen Größen gebraucht werden. Der Grabstichel ist ein dünner,vierkantiger Stab aus gehärtetem Stahl, mit schräg abgeschliffener Spitze (Abb. 214, i).Er wird in einem hölzernen Griff befestigt, der in seiner Form der Höhlung der Handangepaßt ist. Der Künstler setzt die Spitze des Stichels auf die Kupferplatte und gräbtso Furchen in dieselbe ein (Abb. 216). Dabei rollt sich vor dem Stichel her ein feiner Kupfer-span auf, und zu beiden Seiten der Furche wird das Kupfer etwas emporgedrängt, so daßzwei kleine erhabene Kupferränder die Furche einsäumen. Diese Kupferränder nenntman Grat (bards). Tritt der Grat zu stark hervor, so wird er mit dem Schaberetwas überarbeitet und mit dem Polierstahl niedergedrückt und geglättet. Der Polier-stahl ist ein glatter Stahlgriffel, an beiden Enden spitz zulaufend, der Schaber ein kräf-tiger dreikantiger Stahlgriffel (Abb. 214, 2 ).
So wird denn die Vorzeichnung Linie um Linie auf die Kupferplatte mit demGrabstichel übertragen. Bei stärkerem Drucke der Hand werden die Linien tiefer und
breiter, bei geringerem Drucke zarter und flacher. DieSchattierung erhält man durch parallel geschwungeneLinien. Tiefere Schatten erhält man durch sich kreu-zende Linien, deren Richtung derart zu wählen ist, daßsie einander nicht rechtwinkelig, sondern unter spitzemWinkel schneiden, so daß die zwischen ihnen freibleiben-den, kleinen Flächenteile eine dem Auge wohlthuendeForm behalten (vergl. dazu Abb. 213, Hintergrund).Wird eine dritte, die beiden vorigen überschneidendeKreuzlage hinzugefügt, so muß dieselbe derartig ge-wählt werden, daß wiederum dem Auge wohlthuendeDurchschneidungen der früheren Linien entstehen. Wäh-rend durch das An- und Abschwellen der Linien, durchdas Kreuzen der Strichlagen die stärkere oder schwächereSchattierung der Fläche bewirkt wird, haben sich dieLinien zugleich in ihrer Richtung und Bewegung derzu modellierenden Form anzupassen. Rundung einer^ Stirn oder eines Armes, die mannigfaltigen Be-
„Nermiihinng Warme". wegungen der Falten des Gewandes werden dadurch
wiedergegeben, daß die einander parallel laufendenLinien in feiner Schwingung, Hebung und Senkung die Form nachbilden (vergl. Abb. 213).Die Schönheit der Stichelführung beruht in erster Linie darin, daß unter Beobachtungaller dieser Momente möglichst große, zusammenhängende, schön bewegte Linien den ge-gebenen Raum wohlthuend füllen. Übrigens wird, um bei der Ausführung geschwungenerLinien der Hand ruhiges und sicheres Aufliegen zu ermöglichen, die auf einem Brettebefestigte Kupferplatte mit ihrer Unterlage gedreht, kleinere Platten legt man auf einmit Sand gefülltes Polster. Es erfordert dabei die Führung des Stichels außerordent-liche Sicherheit und Übung, um in dem weichen Kupfer völlig gleiche Linien in beständigerNnancierung der Stärke und Bewegung einzugraben. Dementsprechend ist die Arbeitunter Benutzung der Lupe auf das vorsichtigste auszuführen. Die Herstellung größererPlatten erfordert daher jahrelange Arbeit. Es kommt hinzu, daß Korrekturen fastunmöglich sind, da einmal eingegrabene Linien nur durch sorgfältiges Auspolieren ent-fernt und durch neue Gravierung ersetzt werden können. Bei größeren Fehlern desStiches muß die betreffende Stelle der Platte sorgfältig ausgeschliffen, von der Rückseiteauf die ursprüngliche Höhe gehämmert und von neuem gestochen werden. Bei geringerenArbeiten kann nach Ausschleifen der Fehlstelle und Abdecken der übrigen Platte die ent-standene Vertiefung durch galvanischen Niederschlag gefüllt und durch nachfolgendesAbschleifen dieses Niederschlages die Fehlstelle zur Neugravierung bereitet werden.