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Zehnter Band. Der Weltverkehr und seine Mittel. Zweiter Teil: Geistiger Verkehr.
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Die Weltwirtschaft.

anderer, von den unsrigen verschiedener Wirtschaftsformen geneigt sind, von vornhereinjene Gesetze auf sie auszudehnen, die wir für unser eigenes Wirtschaftsleben in derGegenwart anerkennen.

Dies kommt auch in der Art zum Ausdruck, wie man die Entwickelung des Wirt-schaftslebens geschichtlich zu erfassen bestrebt ist. Die klassische Nationalökonomie setztedie Wirtschaftlichkeit, das ist das Bestreben, mit möglichst geringen Mitteln einemöglichst vollständige Befriedigung der Bedürfnisse zu erlangen, als natürlich gegebene,unter allen Umständen vorhandene Eigenschaft des Menschen voraus. Sie ließ schon denrohen Naturmenschen, von diesem Grundsätze beherrscht, ebenso denken und handeln wieeinen westeuropäischen Kulturmenschen der Jetztzeit, ließ ihn Tauschgeschäfte machen,Arbeitslohn zahlen, Grundrente, Zins und Unternehmergewinn beziehen. Nicht vielweiter ist man lange Zeit bei dem Versuche gekommen, aus der Verwertung der über-lieferten Nachrichten geschichtliche Entwickelungsstufen unseres Wirtschaftslebens zukonstruieren. So ließ Friedrich List fünf Epochen, die Perioden des Jagdlebens, desHirtenlebens, des Ackerbaues, die Agrikultur-Mannfakturperiode und die Agrikultur-Mannfaktur-Handelsperivde, in der Geschichte jedes Volkes folgen. B. Hildebrandunterscheidet nach der Art, in welcher der Tauschverkehr sich abspielt, ein Zeitalter derNaturalwirtschaft, der Geldwirtschaft und der Kreditwirtschaft, beide setzenaber voraus, daß es immer eine Volkswirtschaft gegeben habe, und daß nur die Formender Erzeugung in dem einen, des Verkehrs in dem anderen Falle zu verschiedenenZeiten verschieden gewesen seien. Erst Bücher*) hat in neuester Zeit den Grund gelegtzu einer Auffassung des wirtschaftlichen Lebens der Vergangenheit, welche den Lebens-bedingungen jener Zeiten gerecht wird und die wirtschaftlichen Erscheinungen aus ihnenheraus zu erklären strebt. Er gelangt dabei zu dem Ergebnisse, „daß die Volkswirtschaftdas Produkt einer jahrtausendelangen historischen Entwickelung und nicht älter ist alsder moderne Staat; daß vor ihrer Entstehung die Menschheit große Zeiträume hindurchohne Tanschverkehr oder unter Formen des Austausches von Produkten und Leistungengewirtschaftet hat, die als Volkswirtschaft nicht bezeichnet werden können". Seinen grund-legenden Untersuchungen über diesen Gegenstand folgen auch wir bei der Darstellung desEntwickelungsganges unseres Wirtschaftslebens.

Der wirtschaftliche Urzustand.

Da geschichtliche Zeugnisse über das Leben und die Wirtschaftsweise der heutigenKulturvölker in der Urzeit fehlen, ist man in Bezug auf den wirtschaftlichen Urzustandder Menschheit auf das angewiesen, was uns über die Lebensgewohnheiten der nochheute lebenden Naturvölker bekannt geworden ist. Dabei muß mau selbstverständlich vonsolchen Völkerschaften absehen, welche, wie die Bewohner der Polargegenden oder derSteppengebiete Zentralasiens durch die Natur zu einer einseitigen Lebensweise hingedrängtworden sind. Man muß die Untersuchungsgebietc auf Gegenden beschränken, wo diereiche Fülle der Natur Freiheit der Entwickelung gewährte, im wesentlichen also auf dieTropengegenden und deren Bewohner, und man kann dies umso eher thun, als allerWahrscheinlichkeit nach die ersten Verbreitungsgebiete der Menschheit in diese Länder fallen.

Für die unterste Stufe menschlichen Daseins fehlt uns jedoch auch hier ein un-mittelbares Beispiel. Allen bis jetzt entdeckten Stämmen ist wenigstens der Gebrauchdes Feuers, die Verwendung der allereinfachsten Werkzeuge und Waffen bekannt. Denktman jedoch aus dem Leben der niedrigst stehenden Stämme diese einfachsten Kultur-elemente weg, so gibt es immer noch ein anschauliches Bild der untersten Daseinsstufedes Menschen, die man als die Stufe der individuellen Nahrungssuche bezeichnenkönnte. Es sind dies die Völker, die man niedere Jäger zu nennen pflegt (z. B. dieBuschmänner in Afrika, die Weddas auf Ceylon, die Waldindianer Brasiliens , die Austral-

*) „Die Entstehung der Volkswirtschaft", 2. Aufl., Tübingen , Lanppsche Buchhandlung, 1898.„Die Wirtschaft der Naturvölker", Dresden , v. Zahn L Jaensch 1898.