474 Die Weltwirtschaft.
läßt die Notwendigkeit eines kräftigen Schutzes der heimischen Landwirtschaft klarer alsirgend etwas zu Tage treten.
Die Einfuhr hat aber nicht nur den Fehlbetrag der einheimischen Landwirtschaftzu decken, sie erstreckt sich auch auf die Deckung unseres Bedarfes an Nahrungs- undGenußmitteln, die im Jnlande überhaupt nicht erzeugt werden. Hierher gehörenKolonialwaren und Südfrüchte sowie Seefische, deren Mehreinfuhr im Jahre 1898zusammen gegen rund 400 Millionen Mark ausmachte. Nicht minder bedeutend als dieNahrungsmitteleinfuhr ist ferner die Einfuhr an Rohstoffen der Industrie. Trotzdes großen Mineralreichtums Deutschlands wurden im Jahre 1898 für etwa 175 Mil-lionen Mark Erz und Rohmetall eingeführt. Die Textilindustrie bezog Baum-wolle und Baumwollgarne im Werte von 254, Seide im Werte von 110 — 120 undJute im Werte von 32 Millionen Mark; zusammen mit den Bezügen an Spinnstoffen,die zum Teile auch im Jnlande erzeugt werden, beläuft sich der durch Bezug aus demAuslande zu deckende Rohstoffbedarf der Textilindustrie auf fast 750 Millionen Mark.Die chemische Industrie führt, ungerechnet die künstlichen Düngstoffe, für etwa90 Millionen Mark Rohstoffe ein, die Kautfchukindustrie für 44. Außerdem ist nochdie Industrie in Fettstoffen und Mineralölen auf den Bezug von Petroleum undtropischen Ölfrüchten und noch eine Reihe anderer Industrien mehr oder minder auf dieZufuhr ausländischer Rohstoffe angewiesen. Der Einfuhr an Werkholz und an Häuten fürunsere Holz- und Lederindustrie ist bereits oben gedacht worden; ferner kommt nochfür diese Industrien der Bezug von überseeischen Gerbstoffen, exotischen Hölzern und Schnitz-stoffen wie Elfenbein, Perlmutter u. a., für die Bekleidungsindustrie jener von Vogel-bälgen und Schmuckfedern, für die Schmnckwarenindnstrie die Einfuhr von Edel-steinen, Korallen u. s. w. in Betracht. Der Gesamtbedarf der deutsche» Industriean ausländischen Rohstoffen wird auf ungefähr 1100 Millionen Mark veranschlagt.Welche Bedeutung die ungehinderte Zufuhr dieser Rohstoffe für die deutsche Volkswirt-schaft besitzt, geht am besten daraus hervor, daß die zum größten Teil auf den Bezugausländischer Rohstoffe angewiesene Textilindustrie einschließlich der von ihr abhängendenBekleidungsindustrie — die Erwerbsthätigen und ihre Angehörigen zusammen ge-rechnet — vier Millionen Menschen ernährt. Die Erzeugung und Verarbeitung vonLeder, für die die Häuteeinfuhr eine Lebensfrage ist, ernährt 1ft/z Millionen Menschen,die chemische Industrie 400 000, die Metall- und Maschinenindnstrie, die ihren Bedarfan Eisen bis zu h'3, an Kupfer bis zu an Zinn ganz aus dem Auslande deckenmuß, über drei Millionen, die Holzindustrie, deren Rohstoffe zu ^ aus dem Auslandeeingeführt werden müssen, über 1Tff> Millionen Menschen. Alles in allem sind rund 2/zunserer industriellen Bevölkerung mit ihrer Arbeit von der Zufuhr ausländischer Roh-stoffe abhängig, und die gesamte Warenmenge, die Deutschland znr Deckung des Fehl-betrages an Nahrungsmitteln und Rohstoffen der Industrie jährlich einführen muß,erreicht einen Gesamtwert von 3^ — 4 Milliarden Mark.
Zur Deckung der Zahlungen an das Ausland, die hierdurch notwendig werden,steht zunächst die deutsche Mehrausfuhr an Fabrikaten zur Verfügung; auch sieweist einsprechend der günstigen Entwickelung unserer Industrie eine stetige Steigerungauf, doch bleibt diese Steigerung hinter der Zunahme der Nahrungsmittel- und Rohstoff-Einfuhr erheblich zurück. Von 1889 — 1898 ist die deutsche Mehrausfuhr an Fabrikatenum 279 Millionen Mark gestiegen, während die Mehreinfuhr an Rohstoffen undNahrungsmitteln in demselben Zeitraum um 774 Millionen Mark in die Höhe ging.Die Textil- und die Lederindustrie haben sogar einen nicht unbedeutenden Rückgang ihrerAusfuhr zu verzeichnen. Gleichwohl zählt die Textilindustrie immer noch zu den wich-tigsten deutschen Exportindustrien, da ihre Mehrausfuhr in Leinenwaren 5°g, in Baum-wollwaren 10 0/o, in Wollwaren 30°/g, in Posamenten 40"/o und in Wirkwaren sogar57 o/o der heimischen Erzeugung ausmacht. Einen ganz hervorragenden Rang nimmtferner unter den Exportindustricn die Zuckerindustrie ein, die mehr als eine MillionTonnen oder 67°/o ihrer Erzeugung ins Ausland führt. An Zement werden 22°/o, an