692
wacker zuzugreifen, aber wenn ihm Leib und Leben lieb sei, kein lautes Wort zu sprechen. Auf denersten Schlag mit der Ruthe sprang die Thüre knarrend auf und der Holzhacker befand sich in einemgeräumigen, von feuchtem Moderdufte erfüllten Gemache; doch eS brauchte seine ganze Herzhaftigkeit,um nicht umzukehren, denn ein ganzes Heer von Schlangen und andern Ungeziefers der ekelhaftestenArt umlagerte seine Füße, während häßliche Fledermäuse ihm den Weg zu einer zweiten Thüre ver-sperren zu wollen schienen. Muthig machte er sich Bahn, und nach einem wiederholten Schlageöffnete sich auch diese Pforte, aber wie ganz anders war hier die Scene. Auf reichen Polstern lageine wunderliebliche Frauengestalt, die ihm mit unmuthigen Geberden einen Becher süß duftendenWeineS anbot. Zum Glücke schwieg das Zauberwesen und die tiefe Stille des in zartem Roscnglanzestrahlenden Gewölbes schloß dem Betroffenen den Mund, so daß er, zu sich selbst kommend, stand-haft an dem Weibe vorbei ohne umzublicken einer Flügelthüre zuschritt, die ihm die höchsten Schätzezu bergen versprach. Er hatte sich nicht geirrt; denn als auf den dritten Schlag die Thürflügelwichen, breitete sich in blendender Pracht der ungeheure Schatz vor seinen Blicken aus. Nur ein armesBruchstück hatte er früher gesehen; hier standen reich mit Edelsteinen geschmückte Gefäße ohne Zahl,dort lachte ihm der herrlichste Schmuck aus den geöffneten Truhen entgegen, ganze Kisten voll blankerGold- und Silberstücke luden zum Zugreifen ein, und alle diese Herrlichkeiten erleuchteten mit ihrenStrahlen das hohe Gemach, als ob tausend Kerzen ihren Glanz verbreiteten. Aber o weh, der Anblickdieser Reichthümer überwältigte den Glücklichen und der Freudenruf: „Herr Gott, wieviel!" entflohseinen Lippen. Im nämlichen Augenblick verschwand alles in furchtbarer Finsterniß; von einer heu-lenden Windsbraut erfaßt, ward der Unselige emporgehoben, und erst am späten Abend kehrtenseine Sinne wieder. An Leib und Seele zerschlagen, fand er sich einsam in dem alten Gemäuer;doch als er sich nach und nach des Geschehenen erinnerte, war er auf immer von der Begierdenach Reichthum geheilt, und mit neuer Liebe umfaßte er sein treues Weib, das unruhig über seinAusbleiben ihn mit ihren Kindern zu suchen kam.
Der Chriemhildengraben.
Weit vom MeereSstrande her wanderte einst eine Familie in unsere Heimat ein, der Mann vonfriedlicher Gemüthsart, rüstig zur Arbeit wie zum Gebet, das Weib finster und ungesellig, dochdem Gefährten eine treue Gehülfin und dem wunderlieblichen Kinde eine sorgsame Mutter. HinterVollenweid, auf dem Berge am Türlersee, bauten sie eine Hütte und erwarben beträchtliches Grund-eigenthum. Wundersam gedieh die Arbeit ihrer Hände, und was sie gepflanzt, blühete und reifte inüppiger Fülle, vor Allem aber erfüllte der in herrlicher Pracht dastehende Garten die Nachbarn mitBewunderung, aber auch mit geheimem Neide, denn manche unbekannte Frucht wartete hier derbrechenden Hand, manch' heilendes Kraut war mit den Fremdlingen ins Land gekommen und diefremdartigsten Blumen zierten die wohlgeordneten Beeten. Da sah man den zierlichen Frauenschuh,den wohlriechenden Calmus, da läutete das Maiblümlein mit den silbernen Glöckchen den Frühlingein und zartbemalte Hyazinthen hauchten ihren süßen Duft aus. Doch nicht nur für die Besitzerselbst blüheten und dufteten diese Blumen, mit freundlichem Sinn bot der Mann sie dem Wandererüber die Hecke und das liebliche Mägdlein trug manchem Armen und Kranken saftige Früchte undheilsame Kräuter unter das niedrige Dach. Sah auch die Mutter, Chriemhilde nennen sie die