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Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1840 bis 1850 / von Friedrich Vogel
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Einen, Verena die Andern, mit schelen Blicken solcher Freigebigkeit zu, schnell schmeichelte dassüße Kind die trüben Wolken von ihrer Stirne weg und mit freundlicher Mahnung beschwor derGatte den bösen Geist. So flössen Jahre dahin, Regen und Sonnenschein zogen über ihre Häupterund segneten ihren Fleiß; da kam der Sturm, der dieses stille Glück zerstörte. In den erbostenWogen des Türlersce's fand der wackere Gatte, der liebende Vater das nasse Grab, und mit ihmentwich der Schutzengel des Hauses. In finsterer Trauer arbeitete das Weib fort, aber tief in ihremHerzen schlugen verzehrende Habsucht und starrer Menschenhaß giftige Wurzeln. Umsonst harrtenfortan Kranke der erquickenden Spende, vergeblich traten die blühenden Kinder deS Dorfes an denGarten, sich ein Blümlein zu erbitten; ja die Unglückliche ging so weit, unbefugt die Grenzen ihrerGüter zu erweitern. Jetzt war die Gelegenheit gekommen, das längst beneidete und gehaßte Weibzu plagen, und uneingedenk der Wohlthaten des Verstorbenen fielen die Nachbarn über die Verlassenenher, ihnen die schönen Liegenschaften streitig machend. In wüstem Zank und Hader, in rastlosemTreiben vor den Gerichten des Landes gingen nun die Tage dahin, und das einzige Kind trugschwer am Zorne der unnatürlichen Mutter. Dieses zarte Wesen, ach nur im Sonnenscheine derLiebe konnte es gedeihen, verging immer mehr in Sehnsucht nach dem Heimgegangenen Vater, undwie die Blumen des Gartens ohne liebende Pflege vcrblüheten und welkten, so neigte daS Mägdleinsein Haupt und suchte im Schooße der Erve die Ruhe, die ihm die harte Mutter versagte. Dieseverlor einen Theil ihrer Grundstücke nach dem andern, und bloß der Garten blieb ihr von dem früherso reichen Eigenthum übrig.So kann ich doch noch gartnen", sprach sie in wildem Unmuth, undbegann von neuem die sonst so liebe Arboil; aber der Segen war gewichen; was sie jetzt pflanzte,schien ihr nur ein todter Schatten der frühern lachenden Pracht, und weder Gatte noch Kind freutensich mehr ihres Werkes. Siehe, da nahte ihr der Böse mit arger Versuchung, und wie konnte ihmdieß an Gott und Menschen verzweifelnde Herz widerstehen? Als in dieser Zeit die HeferSweiler sieauch ihres Gartens beraubten, da lebte sie allein noch im Gefühle der Rache. Vernichten wolltesie die verhaßte Brüt, und das Gewässer, das ihren Mann verschlungen, sollte Alle bedecken vomwankenden Greise bis zum Kinde an der Mutterbrust. Ein Hügel trennte den Türlersee von demDorfe, und dieser sollte durchstochen werden; doch wie konnte das schwache Weib solches vollbringen?Sehet sie nur, wie sie in dunkler Nacht riesig groß dasteht, die tennthorgroße Schaufel in grau-siger Hast hebend und senkend und mit jedem Spatenstich schuhweit vorrückend. Kalter Schweißsteht auf ihrer Stirn und der bebende Mund öffnet sich bald zu einem grinsenden Lächeln, baldbewegen sich die Lippen leise fluchend, denn sie hatte den Pakt mit dem Widersacher geschlossen,

während der Arbeit zu schweigen wie das Grab. Nun hebt sie zum letzten Mal die Schaufel, um

das schöne Gefilde ist's geschehen; da kann sie ihr Entzücken nicht mehr bändigen, und wild jauchzendruft sie:So ist's geschehen, Gott zu lieb oder zu leid!" Ein brausender Sturm führte die Heredurch die Luft, auf die blumigen Halden des Glärnisch ; aber zu EiS erstarrten die Kräuter unterihrem Fuße. Noch heutzutage steht sie dort, auf ihren Spaten gelehnt, ein zackiger Eisblock, und

nimmer thaut sie auf von den frommen Thränen der Liebe, denn sie hat nur Haß gesäet und

Fluch geerntel.