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X. Der Islam etc.
w irkung; bei näherer Betrachtung ergiebt sich, dass Anlage,Gesammtform, künstlerische Behandlung sich nicht gegenseitigbedingen, dass im Gegentheil hier ein aus verschiedenartigenElementen Zusammengewachsenes, auf verschiedenartige QuellenZurückdeutendes, welches sich ebensowenig zu innerer Einheitwie zu innerer Belebung zu entfalten vermochte, vorliegt. — Dieallgemeine Disposition ist aus der des byzantinischen Kirchen-baues, und zwar aus der jüngeren Gestaltung desselben, herüber-genommen : in der Kegel ein hoher Kreuzbau mit einer tambour-getragenen Kuppel in der Mitte und mit niedrigeren Eckräumen,wobei der Tambour der Kuppel theils auf freien Stützen, theilsauf einwärts tretenden Mauerpfeilern (welche die Eckräume ab-schneiden) ruht. Narthex und Gallerie des Inneren sind nur insehr wenigen Beispielen beibehalten. Nicht ganz selten, beiTauf- oder Grabkapellen und bei einzelnen, zumeist jüngerenKirchen, ist es ein einfacher Kuppelbau, dem sich, in schlichte-rer oder reicherer Anordnung, Nischen umherreihen ; auch bildensich aus diesem und dem Kreuzbau eigenthiimiiehe Mischformenfür die Gesammtanlage. Alles ist gewölbt; doch kommen nurdie Formen des Kuppel- und des Tonnengewölbes vor. — DasInnere des Gebäudes wahrt hiemit im Allgemeinen das byzanti-nische Gesetz; bei dem Aeusseren herrscht eine zumeist sehrabweichende Behandlung vor. Die heraustretenden, aussen polv-gonisch geschlossenen Absiden der byzantinischen Anlage sindzwar auch hier in einzelnen wenigen Fällen beibehalten, selbstauch, zur Verstärkung des Eindruckes, als Vorlagen vor demQuerschiff wiederholt; in der Kegel aber verschwinden sie, indemdie rechteckige (bei einfachen Kuppelkirchen die streng polygo-nische) Grundform vorherrscht und die Bildung der Absiden-Nischen. ausschliesslich durch den inneren Ausbau bewirkt wird. 1In derselben Weise verschwindet im äusseren Ausbau auch dierunde Gewölbe- und Kuppellinie, statt deren überall die derDachschräge erscheint, in mehr oder weniger starker Neigung,über der Kuppel als polygonische (acht- oder mehrseitige) Pyra-mide. Diese Bedachung ist durchaus im Steinbau ausgeführt,ohne alles llolzwerk, mit einer Decke von Flachziegeln undscharf profilirten Hohlziegeln, welche völlig dein System derantiken Tempelbedachung entspricht. So bilden sich überallgrosse geradÜäcliige llauptformen, mit den charakteristischenGiebellinien, welche' durch das Dachsystem hervorgebrachtwerden, und mit der entsprechenden Kuppelpyramide, welcheletztere bei den einfach polygonen Gebäuden die vorzüglichstbezeichnende Form ausmacht. — In der Regel sind diese Aus-senfiächen mit mehr oder weniger schmückender Zutliat versehen.
' Ob und wieweit, hierin etwa ein Motiv frühest christlicher Architektur, wiein jenen alt-afrikanischen Iiasiliken mit nicht in das Aeussere vortretenderTribuna (S. 372, ff.), nachwirkt, muss einstweilen dahingestellt bleiben.