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Anspruch. Ihre Formensprache ist ohne ein eignes Lebensge-fühl , ohne den Drang einer irgendwie innerlich bedingten Ent-wickelung ; was ihrer Erscheinung das allerdings- auffällige Son-dergepräge giebt, hat den Charakter einer starken, zur groteskenFracht geneigten Willkür. Es ist ein seltsames Gemisch fremd-ländischer Formen, unter denen die orientalischen, der späterenAusübung des Islam angehürigen überwiegen.
Zunächst ist die russische Architektur eine Tochter der by-zantinischen, in deren schon jüngerer Gestaltung. Ihre Anfängestellen in einem Wechselverhältnisse zu jenen byzantinisirendenBauten, welche sich an den östlichen Küsten des schwarzen Mee-res, gegen den Kaukasus hin, vorfinden. Dort reihen sich denenvon Abkhasien die auf dem taurischen Cliersones (der Krim ) an.Als ein Ilauptbeispiel der letzteren wird die Kirche zu Kertsch (dem alten Panticapäa), ein angeblich aus der Mitte des ach-ten Jahrhunderts herrührender Bau, genannt; ihre Kuppel ruhtauf korinthisirenden Säulen und dem Aufsatz hoher Pfeiler überderen Kapitalen. Zu Cherson (Korssun) empfing Wladimirdsr Grosse im J. 988 die Taufe. Die Fragmente einer dort vor-handenen Kuppelkirche gelten als die Ceberbleibsel eines vonihm gegründeten Baues.
Wladimir hatte das Bekenntniss der griechischen Kirche an-genommen und sich mit einer Tochter des griechischen Kaiser-hauses vermählt. Das Verhältniss zu Byzanz blieb vorerst einsehr enges. Man empfing von dort (oder aus dem Cliersones)sowohl die bauliche Form als auch, in Ermangelung eigner ge-übter Hände, die Werkmeister und Arbeiter zur Ausführung dernüthigen Kirchenbauten. So war es bei der Kirche der MutterGottes der Fall, welche Wladimir, die erste an der Stelle einesheidnischen Tempels, zu Kiew errichten liess; so bei der an-sehnlichen Menge andrer Kirchen, welche er selbst und seineKachfolger im elften Jahrhundert zu Kiew , Nowgorod undandern Orten anlegten, wobei übrigens berichtet wird, dass dieseGebäude nicht selten, in noch unmonumcntaler Weise, aus demlandesüblichen Materiale des Holzes aufgeführt und erst allmäli-lig durch Steinbauten ersetzt wurden. Im Laufe des zwölftenJahrhunderts werden die ersten einheimisch russischen Architek-ten erwähnt; ihre Werke behielten das byzantinische Geprägebei. Dann, im J. 1225 , fiel Russland unter die Botmässigkeitder Mongolen, und es blieb in diesem Abhängigkeitsverhältnissebis in die spätere Zeit des fünfzehnten Jahrhunderts. Hatte dasLand vorher keine national eigenthümliche Gestaltung der Ar-chitektur gehabt, so konnte sich eine solche unter dem fremd-