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1 (1859) Geschichte der orientalischen und antiken Baukunst / von Franz Kugler
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X. Der Islam etc.

ländischen Drucke noch weniger entwickeln. Was über dieMonumente dieser Epoche, namentlich einige Kirchen des vier-zehnten Jahrhunderts zu Moskau , berichtet wird, deutet imAllgemeinen noch immer auf das byzantinische Muster zurück;wobei aber, wie es scheint, Hinneigung zu asiatischen Formenbereits eingetreten war.

Anders wurde es, als Iwan III. Wassiljewitsch (reg. 1162bis 1505) das Joch abwarf. Jetzt sollte der Macht des neuge-festigten Staates das Siegel monumentaler Würde aufgeprägt,das Alt-Ueberlieferte nach dem Gefühle und den Bedürfnissender Gegenwart zur glanzvollen Erscheinung ausgebildet werden.Diese Gefühle und Bedürfnisse aber waren auf seltsame Weisezwiegespalten, durch langes Geschick dem Wesen des Orientszugewandt und durch fortgesetztes Wechselverhältniss in Kriegund Frieden auf ihn hingewiesen, und gleichzeitig begierig, ausden frischen und reichen Entwickelungen des Oceidents mög-lichste Förderung herüberzuziehen. So gestaltete sich jener ver-wunderliche Baustyl, der in seinem inneren Kerne, der altenUeberlieferung getreu, allerdings noch ein byzantinischer ist, dersich im Aeusseren mit phantastisch orientalischen Formen um-kleidet, der hiezu am Liebsten abendländische Kräfte in Anspruchnimmt und diesen im Beiläufigen und Untergeordneten den Aus-druck auch ihrer Eigentliümlichkeit nicht weigert und dem esvor Allem darauf ankommt, das Unerhörte möglich zu machen.Erst mit der genannten Epoche beginnt das architekturgeschicht-liche Curiosum, welches den Namen des russischen Baustyl.esführt.

Die innere Disposition der russischen Kirche folgt dem by-zantinischen Gesetz, mit einer von Säulen oder Pfeilern getrage-nen mittleren Hauptkuppel und zumeist mit Nebenkuppeln vongrösserer oder geringerer Zahl. Wenig enge Fenster führen einmassiges Licht in das Innere. Der Chor hat regelmässig dreiAbsiden und ist, statt der Schranken, welche in der byzantini-schen Kirche den Altarraum abschliessen, durch eine bis zumGewölbe emporreichende dekorative Wand von dem liaume derGemeinde getrennt. Diese Wand, dieIconostasis , welche dasHeilige den profanen Blicken gänzlich verhüllt, bildet den eigent-lich charakteristischen Theil des Inneren; sie ist durchaus mitBildern heiliger Personen und, je nach den vorhandenen Mitteln,mit glänzendstem Schmucke bedeckt. Klosterkirchen pflegenvorn und zu den Seiten mit Portiken umgeben zu sein; auchbestehen sie häufig aus zwei Geschossen, einer Oberkirche undeiner Unterkirche. Das eigentliche künstlerische Streben ist.