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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
Entstehung
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XIL DIE ARCHITEKTUR DES GOTHISCIIEN STILES.

1. Einleitung.

Das allgemeine Verhältnis s.

Der gothische Baustyl ging als eine vereinzelte Abzweigungaus dem romanischen hervor. Sein Ursprung gehört einem engenLokalbezirke an ; seine erste Gestaltung und Entwickelung hateinen provinziellen Charakter. Er fand dann weitere Verbreitung,ein Produkt des Zeitgeschmackes, dem die Welt zu huldigen sichgedrungen sah, dem sie sich rasch oder langsam, mit Hingebungoder mit zögerndem Widerstreben unterwarf, bis zuletzt Allesin den Landen des christlichen Occidents nur das Gesetz seinerFormen anerkannte, Alles sich beeiferte, an der Durchbildungdieser Formen mitzuarbeiten. Das nördliche, und im engerenSinne das nordöstliche Frankreich ist seine erste Heimat. Manwusste es, dass man von dort das neue Formengesetz empfing;man rühmte sich der neuen-, infranzösischem Werk 1 errich-teten Bauten.

Aber es war mehr als eine Laune des Zeitgeschmackes, wasden französischen Baustyl über den Lokalcharakter hinaushob,was ihn zum weltherrschenden machte, was die Nationen zwang,seinem Bildungsgänge ihre ganze formengestaltende Kraft zuzu-wenden. Es w r ar das volle Gefühl, dass nach den Grundzügen,welche in ihm gegeben waren, das gemeinsame geistige Strebender Zeit zur formalen Ausprägung, zur dauernd wirksamen Ver-körperung seines Gehaltes gelangen sollte.

In den Systemen des romanischen Baustyls war der Indivi-dualcharakter der Nationen des christlichen Occidents als daseigentlich Bestimmende und Entscheidende zu Tage getreten.Diese Systeme waren allerdings auf dem Grunde der Tradition,mit dem Bestände ihrer antiken und antikisirenden Formen-elemente, erwachsen; aber die nationeile Empfindungsweise hattesich in der Formenbildung wie in^ der räumlichen Combination

1Opere francigeno. S. unten den zeitgenössischen Bericht über den Bauder Stiftskirche zu Wimpfen im Thal.