6 XXI. Die Architektur des gotliisclien Styles.
frei und mannigfaltig bewegt, und die Wechselwirkung mit denBedingnissen der Tradition hatte nur dazu gedient, die Heraus-bildung des Eigenen und Selbständigen zu fördern. Es war einverwandtschaftlicher Zug zwischen dem, was der klassischenRcminisccnz und dem, was dem nationeilen Selbstgefühle derZeit angehörte, vorhanden. Das letztere, in sich beschlossen,verlangte nach dem Eindruck räumlicher Befriedigung, nach dergegliederten Festigung solches Eindruckes ; in den klassischenElementen hatte es wesentliche Hülfsmittel zur künstlerischenDurchbildung des Erstrebten gefunden. Es ist kein Zufall, dassdie Blüthe des romanischen Baustyles mit der Blüthe des natio-• nalen Epos zusammen fällt.
Den Gegensatz gegen das volksthümlich Individuelle in dessennatürlicher Besonderung bildet das geistige Gemeingefühl derZeit. Von jenen frommen Institutionen, — den klösterlichenStiftungen, die in der allgemeinen Wirrniss des Völkerlebensals die sicheren Bewahrer der Heilmittel gegründet waren unddenen sich stets neue und neue angereiht hatten, von den fried-lichen und den kriegerischen Pilgerfahrten zu den Orten einesgnadenvollen Gedächtnisses und von der Kunde der wunderbarenAbenteuer solcher Fahrten genährt, hatte es sich in eigenthüm-lich schwärmerischer Richtung entfaltet. Zustände festeren ge-nossenschaftlichen Beharrens, überall sich herausbildend, vor-nehmlich im Inneren der jungen städtischen Mächte, gabensolcher Richtung eine breite Unterlage. Die Kirche hatte sichzur weltgebietenden Macht erhoben, getragen durch eben dieseRichtung, die sie mit allen Kräften pflegte, verbündet mit Ritter-tlium und Wissenschaft, im schonungslosen Kampfe gegen allesKetzerwesen, das ihrer Macht entgegen stand, demnächst mitallen Schichten der Völker durch ihre Sendboten, die neuenMönchsorden der Franciskaner und Dominikaner , in steter Be-rührung und Wechselwirkung. Der Zeit genügte das Abge-sclilossene des früheren Cultus, seiner Erscheinung, seiner bau-liehen Form nicht mehr; sie verlangte nach einer innigeren Ver-gegenwärtigung des Heiligen und Üeberirdischen, nach der un-mittelbaren Nähe der wundervollen Geheimnisse , welche dasReich himmlischer Gnaden zu erschliessen geeignet waren. DasLeben selbst sollte sich im Wiederschein solcher Nähe verklären.
Es ist die spätere Zeit des 12. Jahrhunderts, von der abdiese Wirkungen sich auf hervorragende Weise geltend zu machenbeginnen, zu neuen monumentalen Gestaltungen, zu einer neuenbaulichen Sprache führend. In Frankreich , wo städtisches Lebensich glanzvoll entwickelte, wo der theologischen Wissenschaft(auf der Pariser Universität) die gedeihlichste Pflege zu Theilward, wo ein mächtiges Königthum mit dem päpstlichen InteresseHand in Hand ging, wo der Vernichtungskrieg gegen die ketze-rischen Albigenser — und mit diesen freilich gegen die ganze