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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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XII. Die Architektur des gothischen Styles.

einen Unterbau unter dem Chor nöthig machte. Mit den Kryptenaber verschwand zugleich jene auffällige Erhöhung des Chor-raumes , welche im romanischen Ivirchenbau vorherrschend ge-wesen war. Der gothische Chor geht völlig in dem Gesammt-organismus der baulichen Anlage auf; nur in den Klosterkirchen,die jetzt aber, hei den veränderten Lebens-Interessen, selten ein«künstlerisch hervorragende Bedeutung haben, pflegt er sich demKörper des Baues in der Weise eines gestreckten Flügels anzu-schliessen; insgemein ist er dem Ganzen eingebunden und nurdurch umgebende Schranken von dem Uebrigen getrennt. Selbstdie Querschiffanlage, welche den Chor von dem Hauptraume desVolkes zu scheiden pflegt, erscheint in der Disposition der gothi-schen Kirchen nicht mehr als entscheidendesoder auch nur vor-herrschendes Gesetz. Häufig, im Einzelnen sogar bei Pracht-bauten, fehlt das Querschiff' ganz, ist die bauliche Anlage einein sich ungetheilte und fügt sich der Chor einfach nur der öst-lichen Hälfte, mit dem Hochaltäre, ein. Es ist eine Rückkehrauf die in der altchristlichen Basilika beliebte Anordnung, dochfreilich mit dem erheblichen Unterschiede, dass bei dieser dieEinrichtung eine zufällige geblieben war, in unrhythmischemVerhältnisse zum Ganzen, während sie sich im gothischen Baustets in die räumliche Gesammt-Rhytlimik auflöst.

So ist auch jenes Mystische der Totalität des gothischenBaues eingewoben. Es durchdringt alle Theile des Baues; esentwickelt sich, umgekehrt als wie beim Romanismus, dem Lichteentgegen; es bietet sich rings der Schau dar und findet in denfreien Höhepunkten seine vollste und ergreifendste Entfaltung.

Der innere Aufbau des kirchlichen Werkes ist wesentlichhierauf berechnet. Er behält (wenn einstweilen von gewissenjüngeren Systemen abgesehen wird, die sich in zum Theil ab-weichender Weise ausbilden) die räumliche Gliederung des höherenMittelschiffes, der niederen Seitenschiffe bei; er nimmt das Sy-stem der kreuzgewölbten Decke, wie sich dasselbe in den spätemEpochen des Romanismus entwickelt hatte, auf. Aber dieseRäume steigen luftig aufwärts, sich in ihren obern Theilen derFülle einströmenden Lichtes öffnend; diese Decke erscheint wiein schwebender Bewegung von den aufsteigenden Stützen ge-tragen, massenlos, einer Wundererscheinung gleich. Eine sinn-reich combinirte technische Construktion machte diese dem na-türlichen Gesetz scheinbar widerstreitende Wirkung möglich. Diegesammte bauliche Masse hatte sich in ein Gerippe selbständigerEinzelstücke aufgelöst, zwischen welche überall nur leichtereFülltheile zum Abschluss nach aussen eingesetzt waren ; wasfrüher als eine mehr oder weniger dekorative Zutliat erschienen,war jetzt das eigentlich construktive Element geworden; wasfrüher das Wesentliche war, hatte jetzt nur noch die Bedeutungdes Beiläufigen. Das Gewölbe zerfiel in ein Kreuznetz von