Buch 
3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
Entstehung
Seite
9
JPEG-Download
 

Einleitung.

9

Gurten und Rippen, zwischen denen sich dünne Kappen spann-ten ; sie liefen unterwärts auf einzelne Punkte zusammen undbedurften nur hier der wirklichen Stütze; sie waren in der Liniedes Spitzbogens gewölbt, der sich in der romanischen Spätzeitschon verbreitet hatte, der in seiner Erscheinung ebenso sehrdem aufstrebenden Drange entsprach, wie er technisch den Vor-theil eines möglichst beschränkten Seitendruckes gewährte. Esbedurfte also überall keiner eigentlichen Mauermasse mehr zumTräger dieses Gewü.lbes und zu seinem Widerlager, sondern nurkräftiger Einzeltheile; es erschien als angemessen, die dem Seiten-druck der Wülbtheile entgegenwirkenden Einzelmassen auf denAussenseiten des Gebäudes vortreten zu lassen: feste Strebepfeileran den Seitenschiffen, starke Strebebögen, welche sich von diesen,die man thurmartig erhöhte, dem Ansatz des Mittelschiffgewölbesentgegenspannten. Dabei gingen die Wände zwischen diesenfesten, als Stützen und als Streben dienenden Einzeltheilen zuweiten Fenstern aus einander; und nur eine Brüstungsmauer warin den Seitenschiffen nöthig, den innern Raum von dem Verkehrder Aussenwelt abzuschliessen; nur eine andere Füllmauer, anden Oberwänden, schloss den Raum ab, welchen die anlehnendenDachungen der Seitenschiffe einnahmen. Aber auch diese liesssich, schon für den äussern Zweck einer leichteren Coinmuni-cation zu allen Theilen des Gebäudes, in eine leichte Triforien-Gallerie umwandeln ; und auch die Dachungen der Seitenschiffeliessen sich auf eine Weise in selbständige Einzelstücke theilen,dass sie der Gegenwand nicht weiter bedurften und dass jeneGallerie sich als Fensterfortsetzung ebenfalls gegen das Aeussereöffnen konnte.

Die Elemente dieses technischen Systems lassen sich in derromanischen Architektur, seit den ersten Versuchen einer Ver-bindung des Gewölbes mit dem Basilikenbau, nachweisen, vor-nehmlich in der französisch -romanischen Architektur, die zu die-sem Behuf das Verschiedenartigste in Angriff genommen hatte.Es ist daher wohl die Ansicht ausgesprochen, dass dies ganzeSystem nichts sei, als die nothwendige Vollendung jener Bestre-bungen, und es hat nicht an gründlich technischen Nachweisenzur Bestätigung solcher Ansicht gefehlt. 1 Nur ist dabei dasEine übersehen: dass auch das technische Endergebniss ohnedie völlige Umwandelung des geistigen Strebens, ohne die idealeAbsicht, ohne den aufwärts und dem Lichte entgegen strebendenDrang, ohne das Verlangen nach einer wundervollen Wirkungnimmer zu Tage getreten wäre. In der That gewinnt das Innere

1 Viollet-le-Duc (dictionnaire de larch. framjaise, I, p. 187, ff.), weist es so-gar nach, und von seinem Standpunkte aus mit völlig richtiger Consequenz,dass die gothischen Architekten Frankreichs jene gewaltigen Hühenverhältnisseso massig genommen hätten, als es nur immer thunlich gewesen sei.

Kugler, Geschichte der Baukunst. III. 2