Buch 
3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
Entstehung
Seite
11
JPEG-Download
 

Einleitung.

11

selverhältniss zu dem Ausgauge der räumlichen Gliederung aufder Ostseite des Gebäudes, zu dem Schlüsse des Chorraumes.Das Halbrund, der Absis, mehrfach auch schon in der spätroma-nischen Architektur durch abweichende Formen ersetzt, warüberall mit dem gothischen System unvereinbar; der Stützenbaudes letzteren machte einen eckigen Schluss unbedingt nüthig;

as rhythmische Ausklingen der Bewegung erforderte einen po-lygonischen Schluss, dessen Felder somit notliwendig (im Ver-naltniss zur inneren Gesammtweite) schmal wurden und der sichmit entsprechend schmalen Gewölbkappen bedeckte. Die letzte-ren schlossen sich naturgemäss in einer centralen (halbkuppel-ähnlichen) Folge zusammen.

Der Chorschluss zeigt im Uebrigen mannigfach verschiedeneGrunddisposition. Zumeist wird hier an den Motiven festgehal-ten, die im Romanismus schon vorgebildet waren und die nun-mehr nur die formelle Um- und Ausbildung im Sinne der Gothikempfangen. Bei Bauten reicher Anlage (und vornehmlich bei<ler ersten glänzenden Entfaltung des lokalfranzösischen Systemsund dessen mehr unmittelbarer Uebertragung) kommt es zu einerüberaus kunstvollen Anordnung, welche die rhythmische Grund-bewegung vielfach abgestuft zum volltönenden Ausgange bringt:die Seitenschiffe um den inneren Chorschluss als gleichfalls polv-gonischer Umgang; umhergeführt und wiederum von einem Kranzepoivgonisclier Absidenkapellen umgeben. Die gegenseitige Auf-lösung der Kreuzwölbungen über diesen verschiedengestaltetenTheilen giebt zu einer Fülle sinnreicher Combinationen, zum-Theil zu Malerischen Effekten von eigentümlicher ZierlichkeitAnlass. Die volle Breitenausdehnung solcher Anlage pflegt mitentsprechend breiterer Entfaltung des baulichen Ganzen , mitfünfschiffiger Hauptanlage, mit einem dreischiffigen- Querbau ineinem Wechselverhältniss zu stehen. In andern Fällen,-überallbei schlichteren Anlagen, begnügt man sich mit der einfachenUhorschlussform; aber anlehnende polygonische Abschlüsse derSeitenschiffe, manches Mal schrägliegende, so dass sie über diei|lucht der Seitenschiffwände vorspringen , auch sonst eigentüm-liche Anordnungen pflegen nicht minder die Neigung zu einembelebten Ausgano-e der räumlichen Gesammtbewegung, zu denVv irkungen malerischer Perspektive zu bekunden. Anderweitfehlt es freilich auch nicht an der Aufnahme des entschieden ent-gegengesetzten Princips, des starr geradlinigen Abschlusses, derden Traditionen, dem Gesetze der räumlichen Rhythmik und sei-nen kunstreichen Combinationen mit Absicht entsagt, der aberneue Wirkungen, durch prächtige Fensterarchitekturen in demalso gewonnenen grossen Schlussfelde, zu erstreben pflegt.

Dann ist noch der allgemeinen Dispositionen des Thurm-baues zu gedenken. In dem ersten (lokalfranzösischen) Stadiumseiner Entfaltung ist das gothische System, mit fast übermüthigem