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XII. Die Architektur des gothischen Styles.
des kirchlichen Gebäudes durch das Verschwinden alles desjeni-gen, was dem aufgegipfelten Raume seinen Halt giebt, indem esdurch die Construction überall nach aussen, gelegt war, eine zau-berähnliche Erscheinung, deren Eingreifen, deren Pflege undstets gesteigerte Durchbildung lediglich nur aus der eigenthüm-liehen Stimmung der Geister der Zeit hervorgehen konnte. Dieganze Weise der Detailbehandlung steht mit solcher Tendenz iininnigsten Einklänge. Hievon hernach.
Vorerst kommen noch andre Momente der allgemeinen räum-lichen Gliederung in Betracht. Das Princip des romanischenKreuzgewölbes (das durch vereinzelte Ausnahmen nicht in Fragegestellt wird) beruhte auf der quadratischen oder quadratähn-lichen Grundrisstheilung; einem Gewölbequadrat des Mittelschif-fes entsprachen je zwei in den Seitenschiffen ; ■ ein „Joch“ desMittelschiffes umfasste zwei Arkaden ; ein Hauptpfeiler wechseltemit einem Zwischenpfeiler, während die Oberwände jedes Jocheseinen verhältnissmässig breiten Raum einnalimen und die Fenstersich ihnen zumeist gruppenförmig einfügten. Dies Alles musstesich bei dem Stützensystem des gothischen Baues, bei seiner über-all aufstrebenden Richtung, bei der Umwandelung der Wand-massen in volle Lichtöffnungen, nothwendig ändern; jeder Schiff-pfeiler musste gleiche Function erhalten, jede Arkade zum Joch-felde, jeder Obertheil des letzteren zur unbeschränkten Fenster-öffnung geeignet werden und somit auch das Mittelschiffgewölbesich in entsprechende Schmalfelder, mit scharf sich durchschnei-denden Querrippen, theilen. Eine grössere Raschheit in derrhythmischen Folge der Bautheile, ein belebterer Wechsel in derGliederung des Gewölbes, dem ruhigen Gleichmaass der romani-schen Wölbung ebenso entgegengesetzt wie in Harmonie mit denübrigen treibenden und bewegenden Momenten des gothischenSystems, war das ästhetische Ergebniss. — Einer eigenthümlichenUebergangsbildung, w’elche den Drang nach solcher Entwicklungaus dem romanischen Princip heraus bekundet, ist besonders zugedenken. Sie hält noch an der quadratischen Haupttheilung,an dem Wechsel von Hauptpfeilern und Zwischenpfeilern fest;aber sie führt auch die letzteren zur Wölbung empor und lässtvon ihnen Zwischenrippen nach dem Kreuzungspunkte der Wöl-bung aufsteigen, eine Theilung des Gewölbfeldes in sechs Kappenbewerkstelligend. Der Eindruck dieser Anordnung ist nicht ohnephantastischen Reiz, doch zu wenig dem erforderten Gleichmaassentsprechend, zu sehr mit andern Missständen für die Gesammt-wirkung verbunden, als dass sie eine andre als nur eine vorüber-gehende Bedeutung hätte gewinnen können. (Als ächtes Ueber-gangs-Element zeigt sich diese Anwendung auch schon an spät-romanischen Bauten.)
Die Schmaljoche des gothischen Baues und die Schmalthei-lung seiner Hauptwölbung stehen sodann in unmittelbarem Wech-