Einleitung.
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Bildungsgang des gothischen Systemes hat hiemit seinen Höhen-punkt erreicht.
Die Facjaden des Querschiffes, wo ein solches vorhanden,gestalten sich nach den Motiven der Hauptfa^ade, nur ohne dieBedingnisse, welche sich hier aus der Verbindung mit dem Bauder kolossalen Seitenthiirme ergaben, und statt dieser verschie-denartige Anordnungen für einen eigenthünrlichen Seitenabschlussausprägend. — °
Noch sind einige Einzelmomente nachzuholen. Für das Or-nament, welches Naturformen nachbildet, ist bei der Gliederung,die das ganze bauliche System durchwaltet, bei dem Spiele derMaasswerkformen, das in den Gitterfüllungen und den Relief-nachbildungen an solchen angewandt wird, wenig Raum. Diephantastische Neigung, welche in der romanischen Ornamentikeine so bedeutende Stelle eingenommen hatte, muss bei der stren-gen Folgerichtigkeit des Organismus, welcher den gothischenInnenbau und die Dekorationen seines Aeussern erfüllt, nichtminder zurücktreten •, oder es findet sich doch nur in seltenenAusnahmefällen eine Reminiscenz dieser Neigung. Durchgängigist das Ornament ein schlichtes Blattwerk, welches einfache For-men der heimischen Natur aufnimmt, zu Anfang in unbefangennaturalistischer Nachbildung, später mit gewissen mehr stylisti-schen Motiven, die mehr oder weniger in Einklang mit der bau-lichen Gefühls weise stehen. Im Inneren sind es die Kapitaleder Bündelpfeiler, deren völlig einfache Kelchform sich mit einemderartigen Blätterkranze belegt. Im Aeusseren sind es die Linienund die Spitzen der Giebel, die der Dachungen, der Thürme undFialen, die eine solche ornamentale Ausstattung empfangen, eben-falls in schlichter Behandlung, aber hier doch zur sehr charak-teristischen Bezeichnung ihres dekorativen Gehaltes. Folgen vonBlättern (die „Bossen“ oder „Krabben“ der Handwerkssprache)lösen sich von allen schräg aufsteigenden Linien ab, sich in ge-schwungener Bewegung aufwärts breitend; andre, zur vollenKreuzblume verbunden, krönen überall die letzten Gipfelpunkte.Es ist wie ein Ausblühen und Verklingen all der Bewegungen,die in diesen letzten aufstrebenden Gliederungen ihren Ausdruckgefunden hatten.
Der Ausstattung mit figürlichem Bildwerk, zunächst anden Portalen, ist bereits gedacht. Anderes Bildwerk, zum Theilin den mannigfachen Tabernakelnischen, welche die dekorativeAusstattung der Strebepfeiler herbeiführt, zum Theil in Galle-rien, die sich der Ausstattung der Fa^aden zum reicheren Schmuck(besonders in der französischen Architektur) einreihen, fügt sichan. Es findet sich hiebei die Gelegenheit zur Entfaltung reicherBildercyklen gedanklichen Inhalts. — Eine besondere Gattungvon Bildwerk wird durch Einrichtungen des materiellen Bedürf-nisses veranlasst. Bei der reichen Complikation des baulichen