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XII. Die Architektur des gothischen Styles.
Aeussern ist man mit Umsicht auf die Ableitung des Regen-wassers von den Dachungen bedacht; ein kunstreich combinirtesGerinne, von den obern Theilen auf den Rücken der Strebe-bögen niedergeführt, ist zu diesem Behufe angelegt; es findetseine Entladung an den äussern Strebepfeilern. Hier sind esmannigfache Thiergestalten, auch seltsame menschliche Bildungen,die, weit vorgestreckt, als Wasserausgüsse dienen. Sie wieder-holen sich dann auch, in lediglich dekorativem Sinne, an andernähnlichen Stellen, wo ein materieller Zweck der Art nichtvorliegt.
Schliesslich ist des Farbenschmuckes zu gedenken. Dievorhandenen Reste sind überall sehr gering. Im Aeussern scheintFarbe und Gold etwa nur bei der reichen Portalausstattung vor-gekommen zu sein, im Allgemeinen wohl nicht häufig. ImInnern scheint solcher Schmuck, in seiner normalen Verwendung,sehr massig gewesen zu sein, namentlich etwa nur zur Aus-stattung der Kapitale oder zur Dekoration der Gewölbkappen.Der gesammte plastische Organismus der Innengliederung scheinteine umfassendere Buntfarbigkeit auszuschliessen; einzelne Bei-spiele, welche dennoch ein solches Verfahren zur Ausführunggebracht zeigen, die aber ohne Zweifel durch den individuellenGeschmack des Meisters oder des Bauherren oder durch sonstzufällige Gründe veranlasst wurden (namentlich die bunte Aus-stattung des Innern der Ste. Chapelle zu Paris ), geben nur denEindruck eines künstlerischen Wirrsals. Das buntfarbige Lichtder Fenster, statt das polychromatische Verfahren zu rechtferti-gen, scheint im Gegentheil die reine und gleichmässige Wirkungder architektonischen Gliederung und ihres plastischen Gehaltesdoppelt nöthig zu machen. Wesentlich anders verhält es sichallerdings da, wo der Gliederung die volle und geläuterte Durch-bildung fehlt. In der italienischen Gothik, wo diess zumeist derFall ist, ergab sich die farbige Dekoration als ein natürlichesErsatzmittel für diesen Mangel.
Die Kehrseiten des Systems.
Das gothische Werk entfaltet sich zur vollsten Totalität.Grundriss und Aufbau, inneres und äusseres System stehen inden innigsten Wechselwirkungen; der mystische Drang findet inder technischen Construktion das Mittel zu seiner Verkörperung;die künstlerische Thätigkeit bringt ein organisches Gefüge her-vor, welches ebenso die struktiven Theile erfüllt, wie es dasfreie Spiel der Dekoration in die Strenge seines eigenthümlichenBedingnisses hineinzieht. Alle Kräfte des Geistes spannen sichan, das Werk zur Erscheinung zu bringen; mit dem ecstatischen