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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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XII. Die Architektur des gothischen Styles.

Blattkranze legt sich den Scheidbögen unter, deren Gliederungin ähnlicher Weise profilirt ist. Die Schiffpfeiler sind einfachachteckig, mit eingelassenen Ecksäulchen. Ueber den Scheid-bögen zieht sich ein Blätterfries hin; über diesem bilden sichtiefe Nischen, in deren Einschluss die Fenster und unterhalbdieser eine Gallerie befindlich sind. Der Westbau, mit zwei mas-senhaften Thürmen (an der Stelle ursprünglich eines Mittel-thurmes) ist aus der Spätzeit des 14. Jahrhunderts.

Ungefähr gleichzeitig mit der ebengenannten ist die Niko-laikirche zu Greifswald , als deren Vollendung (?) bereitsdas Jahr 1326 angegeben wird. Eine durchgreifende Moderni-sirung verstattet kein Urtheil über die Detailbehandlung, wäh-rend auch die trefflich harmonischen Verhältnisse des Innern undzugleich derselbe barbarisirende Chorschluss wie an der Marien-kirche zu Anclam anzumerken sind. Der vor der Westseite auf-steigende Thurm, aus der Spätzeit des Jahrhunderts, ist durchein in kriegerisch burgartigen Formen gebildetes Mittelgeschoss,durch reiche Maasswerkdekorationen in den Fensterblenden desleichten Obergeschosses, auch durch die phantastisch moderneKuppelspitze von eigenthümlicli energischer Wirkung. Etwasjünger, ebenfalls in guten Verhältnissen und in einfach tüchtigerBehandlung, erscheint die Petrikirche zu Wolgast. Wie-derum später, schon vom Schlüsse des Jahrhunderts, ist die J a-k obikirche zu Stralsund . Sie hat eine bereits auffälligrohere Behandlung bei einseitig gesteigerten, den innern Rhyth-mus aufhebenden Höhenverhältnissen, mit gerade abschliessenderOstseite und mit barbaristisch verkümmerten Oberfenstern, dienur noch im Spitzbogen geöffnet und in diesem Bogen flach undeckig gebrochen sind. Dagegen ist die nach innen geöffneteThurmhalle von grossartiger Wirkung und das Aeussere desThurmes in so kräftig aufsteigender Weise entwickelt, wie mitreichster Dekoration an schwarzglasirten Maasswerken, in Friesenund Fensterblenden, ausgestattet.

Dann folgt die von 141678 erbaute Marienkirche zuStralsund . Hier ist Alles auf höchst gesteigerte räumlicheVerhältnisse, auf kolossale Aufgipfelung der Massen berechnet.Im Innern, in den Seitenschiffen wie im Mittelschiff, macht sichein gewaltsamer Höhendrang geltend, gefestigt, vermehrt, aufdas Aeussere übergetragen durch seitlich vorspringende Theile:die Flügel eines östlichen dreischiffigen Querbaues, über dessenMitte ein starker Dachreiterthurin angeordnet wurde, und dieeines andern Querbaues auf der Westseite, über dessen Mitteder Hauptthurm emporsteigt. Giebel, Treppenthürme u. dergl.tragen dazu bei, die machtvolle Wirkung des Aeussern zu er-höhen; der Hauptthurm stieg mit schlanker Spitze (die im Jahr1647 abbrannte und durch eine barocke Haube ersetzt ward)überhoch in die Lüfte empor. Aber es ist in diesem Bau von