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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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Die skandinavischen Lande.

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phantastisch verzierte Blattgesimse hinlauten. Die Giebel derhieinen Kapellen mit Bogenzierden von fast maurischer Art; einSeitenportal von schwerbarocker Umgestaltung der üblichen früh-gothisclien Formen. Die Streben höher emporgeführt, mit schlich-ten Satteldächern und mit spielend leichten Strebebögen zurStütze des aufsteigenden achteckigen Mittelbaues. Dieser mitschlanken Lanzetarkaden, zwischen denen die kleinen Lanzet-fenster liegen, und mit Giebeln über jeder Seite; darüber, stattdes ursprünglichen Helmes, mit einer schwerbauchigen, kupfer-bekleideten Holzkuppel, welche einer Herstellung aus der Zeitdes vorigen Jahrhunderts angehört. Endlich der vordereLangschiffbau, der völlig nur als Ruine, in seinem Innen-raume seit geraumer Zeit als Begräbnissplatz dienend, erhaltenist. Nur die Seitenschiffwände, nur die Untertheile des Fa^aden-baues sind erhalten. Jene einfach, mit regelmässiger Anordnungvon Streben, die jedoch (nach englischer Art) nur mässig vor-treten, und mit Fenstergruppen, die wiederum denen an Chorund Octogon entsprechen, doch in engerem Zusammenhang ihrerTheile. Die Fa(;ade, 130 Fuss breit, mit der Anlage viereckigerThürme von sehr mässiger Dimension, die, wie mehrfach an eng-lischen Monumenten, über die Fluchten der Seitenschiffe vor-springen, und mit zweigeschossigen Wandarkaden, deren ganzeBehandlung, in der Composition der Bögen, in dem gesammtenSysteme der angewandten Profilirungeu, in dem üppigen, phan-tastisch conventioneilen Ornament, welches in den Kapitälen undden Bogenfüllungen in reichlichen Massen erscheint, ebenfallsnoch das entschiedene Gepräge englischer Frühgothik hat, hiemitaber, als zu den unzweifelhaft jüngsten Theilen des Domes ge-hörig, die Epoche des Ganzen und den verliältnissmässig zeitigenBeginn des gothischen Baues um so bestimmter sichert. Esgiebt sich in dem ganzen Bau, soviel nur von der ursprünglichenAnlage erhalten ist, um es nochmals zu wiederholen, aufs Ent-schiedenste die Uebertragung der charakteristischen Elemente undMotive des englisch gothischen Styles in dem Stadium von dessenerster Ausprägung zu erkennen. Aber es muss hinzugefügt wer-den, dass nichtsdestoweniger die Verarbeitung dieser übertragenenMotive einen selbständigen Charakter hat. W ie viel Uebereinstim-mung im Einzelnen vorhanden sein mag, so ist doch kein beson-deres Monument der englischen Architektur zu nennen, als dessen,wenn auch modificirte Nachahmung der Dom von Drontheiin er-scheint. Und wie sehr die englische Frühgothik in ihren dekora-tiven Combinationen zum Seltsamen geneigt erscheint, so hat diekünstlerische Phantasie, welche sich in dem Gefüge dieses Bau-werkes ausspricht, doch einen abweichenden und eigentümlichenGrundzug. Es ist, wenigstens in der Composition des Kuppel-baues und seiner Verbindung mit dem Uebrigen, ein fast mysti-sches Element, das einer, aus dem Inneren heraus sich geltend