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3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
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XII. Die Architektur des gothischen Styles.

nichts über die Behandlung; des Innern. Das Aeussere zeigt einenansehnlichen und massenhaften Hochbau, der im Ganzen mehran die gothischen Kirchen des 14. Jahrhunderts in den deutschen Ostseeprovinzen, namentlich in der mecklenburgischen Gruppe,als an die französischen Monumente erinnert. Ein System ein-facher Strebebögen stützte den Oberbau des Mittelschiffes; beieiner Bauveränderung im vorigen Jahrhundert sind dieselbendurch Strebemauern concaven Bogenprofils (wie dergleichen auchanderweit in der Rocoeo-Periode verkommen) ersetzt. Einzelheitendes Aeusseren zeigen allerdings einige Nachklänge französischerGrothik: die Portale der Westseite und der Querschiffgiebel, diegrossen Rosenfenster über dem westlichen und dem nördlichenPortal, eine kleine Arkadengallerie über letzterem. Der West-bau hat zwei einfach viereckige Tliürme, in ihren Obergeschossenmit einigen bunten Zierden, wiederum etwa der Art, wie in derThurmausstattung der deutschen Ostseelande.

Die Stadt Wisby 1 auf der Insel Gotland scheint, wie fürdie romanische, so auch für die gotliische Architektur der Nord-lande von namhafter Wichtigkeit zu sein. Einiges, z. B. dieRuine der CI ein en s k ir c he und die der Nikolaikirche,dürfte noch aus frühgothischer Zeit herrühren. Die höchst male-rische Ruine der Katharinenkirche lässt einen Hallenbaumit leichten achteckigen Pfeilern, völlig nach Art der spätgothi-selien Hallenkirchen von Deutschland , erkennen. Die höchststattliche Mauerumgebung des Ortes, mit zahlreichen Vertlieidi-gungsthürmen, scheint zu den bedeutungsvollsten Beispielen desstädtischen Festungsbaues aus der Epoche des gothischen Styleszu gehören.

Die Monumente von Schonen 2 geben einige Belege für dieverschiedenen Epochen der gothischen Architektur, feie scliliessensich wesentlich dem Baustyl der deutschen Ostseelande an, auchmit dem vorherrschenden Material des Ziegels und mit der eigen-tümlichen Weise in dessen Behandlung.

Ein Bau frühster, noch übergangsartiger Gothik ist die Kirchedes im J. 1267 gestifteten Gra u b r ü der klo s t e rs zu Ystad .Achnlichen Charakter scheint die kleine Kirche von Skanür, miteiner Krypta unter dem Chore, zu tragen. Stattliche Durch-bildung des gothischen Frühstyles, doch in schlichter Strenge,zeigt die Liebfrauenkirche (Varfrukvrkan) zu H e 1 s i n gb o r g. ®Sie ist im Mittelschiff mässig über die Seitenschiffe erhöht, ohneOberfenster; im Chor dreiseitig geschlossen und mit dreiseitigemUmgang; die Pfeiler einfach viereckig mit Pilastervorlagen; dieFenster, ohne Stabwerk, ebenso wie die Thüren mit gegliederten

1 Gaimard , II, pl. 202, ff. 2 lirunius, Slianes konstliistoria für medeltiden. 3 Brunius, T. 4, f.