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XII. Die Architektur des gothisehen Styles.
eine Zerstückelung der Form, welche die Einheit des Eindruckesscharf verletzt. Beiderseits, im innern Seitenschiff und iin Mittel-schiff, haben die oberen Wände nur geringe Höhe und sind(während Rosen- oder Kleeblattfenster jedenfalls angemessenergewesen wären) von kleinen Spitzbogenfenstern der üblichen An-ordnung, die in der Wand eine sehr verlorene Stellung einnehmen,durchbrochen. Alle diese Uebelstände rühren von der Reductionder Aufgipfelung der oberen Räume auf ein thunlichst geringesMaass, von der Unfähigkeit, solcher Anordnung eine selbständigeDurchbildung zu geben, oder von dem Mangel an Mutli zu einerentscheidenden Abweichung her. Doch ist in der That derMangel für die räumliche Totalwirkung nicht von allzuschweremGewicht. Das Fünfschiffige der Anordnung lässt, bei den an-sehnlichen und nur massig unterschiedenen Höhen der Räume,das Element des Hallenbaues vorherrschen, leitet somit den Blickin die Seiten und Breiten, wo durch die grossen Fenster derSeitenschiffe das Hauptlicht einströmt, und jene mächtigen Pfeiler-krönungen , welche die Höhenbewegung abschliessen, tragenimmerhin dazu bei, diese Wirkung zu verstärken. Es ist etwasZwitterhaftes in dem innern System; aber es drängt sich demAuge nicht allzu empfindlich, nicht als das Vorwiegende undEntscheidende entgegen. — Die Fenster der Seitenräume habendurchgängig: eine glänzende Maasswerkfüllung, die sich in denbreiten Prachtfenstern , namentlich in denen des Chorumganges,durch überaus stattliche Maasswerkrosen im Bogeneinschluss, zurreichsten Fülle steigert. Die Aussenflächen, die der Wände wieder mässig vortretenden Streben, sind durchgängig mit einemLeistenmaasswerk bekleidet, welches an den Dachsäumen miteinem Zinnenwerk zierlicher Spitzgiebel gekrönt ist. Ringsumschiessen schlanke Fialenthürmchen empor, während zierlichdekorirte Strebebögen die flachgeneigten Dachungen überbrücken.Der Kuppelthurm geht von der Laterne der Kuppel aus, inluftiger Schlankheit emporsteigend, am Fusse von Fialen umgebenund durch ein phantastisches Bogenwerk zwischen den Fialender äussern Kuppelecken gestützt. Der Gesammteindrück desAeussern, in seinen gediegenen und mustererfüllten Massen, inder Fülle des leichten Zacken- und Spitzenwerkes, welches überallseine Säume und Krönungen bildet, ist der einer wundersamphantastischen Erhabenheit. Nur die Fa$ade, obgleich ebenfallsnicht ohne reiche Ausstattung, steht gegen die Wirkung desUebrigen zurück. Sie hat die übliche lombardische Gesammt-anordnung einer breiten gleichartigen Masse, fünftheilig mitFialenstreben, dabei mit einer zerstreuten und, nn Verhältnisszum Ganzen, kleinlichen Fensteraustheilung. Zugleich mischensich hier, in den Portalen und der Mehrzahl der Fenster, fremd-artig moderne Formen ein. Dies .sind Ausführungen nach dem
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