Buch 
3 (1859) Geschichte der gothischen Baukunst / von Franz Kugler
Entstehung
Seite
567
JPEG-Download
 

Italien . 567

Entwürfe des Pcllegrino Tibaldi, welcher von 1570 ab denDonibau leitete.

In den Ivivollen der östlichen Distrikte von Ober-Italienmachen sich wiederum verschiedenartige Weisen in Auffassungund Behandlung geltend.

Venedig 1 hat zwei Kirchen von Bedeutung, deren Anlage,wie es scheint, auf die Frühepoche der italienischen Gothikzurückgeht und in weiteren Kreisen Einwirkungen ausübte. Dieeine ist S. Maria Gloriosa dei Frari, 2 gegründet 1250, inllaupttheilen schon 1280 fertig, doch erst 1492 -beendet. Nicola Pisano wird (freilich ohne hinreichende Begründung) als Urheberdes Planes genannt. Die Anordnung des Innern ist weit- undhoclnaumig, mit auffällig schmalen Seitenschiffen; das Systemzeigt charakteristisch frühgothische Formen: kräftige Rundsäulenmit Knospenkapitälen , Pilasterdienste mit feinen Ecksäulchen,breite spitzgewölbte Scheidbögen in einer ebenfalls den Früh-cliarakter bezeichnenden Gliederung, u. s. w. Die Fa$ade isthöchst schlicht. Der Chorbau, polygonisch, mit reichen doppel-geschossigen Spitzbogenfenstern, und eine Reihe ähnlich behan-delter Kapellen an der Ostseite des erheblich verlängerten süd-lichen Querschiffilügels, tragen ein jüngeres Gepräge, in ihrenzierlich edlen Formen auf das 14. Jahrhundert deutend. Diezweite Kirche ist S. Giovanni e Paolo. 3 Sie ist um Einigesjünger, angeblich von Schülern des Nicola Pisano gebaut; ihreEinweihung fällt in das J. 1430. Die Disposition und das Systemdes Inneren schliessen sich dem der eben genannten Kirche an;doch sind , bei noch breiteren (quadratischen) Säulenabständen,auch die Seitenschiffe breiter angelegt, so dass die Wirkung desWeiträumigen zur vollen Entfaltung 'kommt. Die unvollendeteFa^ade hat unterwärts spitzbogige, hohe und massenhafte Wand-arkaden, (hiemit an die Fatjade von S. Antonio zu Padua erinnerndund eine mögliche Uebereinstimmung in dem Verschiedenartigen,was dem Nicola Pisano und seiner Schule zugeschrieben wird,bezeichnend.) Von andern Kirchen Venedigs sind S. Stefano 4(1325) mit zierlicher und klar geordneter Backsteinfacjade,S. Grcgorio 5 (1342) mit ähnlichen trefflichen Details, undS. Maria dell Orto (nach 1473) mit einer Fagade in glänzendschweren Spätformen hervorzuheben.

1 Vergl. Selvatico, sulla architettura eee. in Venezia , p. 98. 2 Wiebeking,II, t. 72. Runge, Beitr. zur Backst.-Areh., Bl. 19, 20 (1, 2), 4 4 (5, 6). Street,p. 132, ff. Hope, t. 85. Willis, remarks on the arch. of the middle ages, pl. 7. 8 Le fabbriche piü cospicue di Venezia. IIT. Wiebeking, a. a. O. Runge,a. a. O., Neue Folge, Bl. 13 (1), 21 (2).. 4 Runge, a. a. O., erste Folge,Bl. 20 (3, 4), 21 (3), 26 (6). - 6 Ebenda, N. F., Bl. 21 (1). fi Hope, t. 68.