38 Buch III. Italien. XVI. Jahrhundert. Tizian . §. 202. 203.
sonst eine offenbare Congenialität besitzt, ist wesentlich einganz verschiedenes Wollen. Wo der Lombarde ein nervösaufgeregtes Leben schildert, giebt der Venetianer ruhigesBehagen; wenn bei Jenem die Gestalten nur desshalb ge-schaffen scheinen, um daran das Spiel der Empfindung unddes Naturlebens darzustellen, nehmen sie bei Diesem vorallem eine grandiose, volle Existenz in Anspruch und sinddann in der Bewegung tun so gewaltiger; wo Jener vorhastiger Leidenschaft nicht zur Entwickelung schöner For-men kömmt und uns desshalb modern erscheint, da behältDieser seine unerschütterliche Grundlage dauernder undnothwendiger Schönheit; wie endlich Coreggio’s Helldunkeletwas an sich Bedingtes, Mittelbares, ein Phänomen an denKörpern ist, so ist bei Tizian die Farbe der Ausdruck derExistenz selber.
§. 203. In seinen früheren Bildern erscheint Tizian nochals ein Anhänger des Bellini’schen Styles, den er jedoch be-
1. reits mit einer eigentümlichen Kraft zu behandeln weiss. EineAnbetung der Könige im Pallast Manfrini zu Venedig , einkleines figurenreiches Bild mit mancherlei Mängeln in denFiguren, aber mit einer artigen weiten Landschaft, ist gewiss
2 . eins seiner frühesten Stücke. Schon entwickelter sind eineMadonna mit Engeln in der Galerie der Uffizien zu Flo-
3. renz, eine Madonna mit Heiligen im Pallast Colonna, und
t. eine zierüche kleine Madonna im Pallast Sciarra zu Rom .
Sodann gehört hieher besonders ein schönes einfaches Bild
5 . in der venetianischen Akademie, den Besuch Mariä bei derElisabeth darstellend; sowie auch eine sehr anmuthige Ma-
6. donna mit dem Kinde aus dieser Zeit, in der k. k. Galeriezu Wien , zu erwähnen ist. Von den Bildern des Louvre
7. gehört die scharf naturalistische vierge au lapin, und einesehr edle Madonna mit drei Heiligen in einer Landschafthieher.
Das schönste und vollendetste unter den Werken ausTizians früherer Periode, eins seiner schönsten überhaupt,
8. ist der Christus mit dem Zinsgroschen fCristo della MonetaJ