58 Buch III. Italien. XVI. Jahrhundert. Venedig . §• 209.
ders nach Giorgione’s Werken, vermied aber dessen strengereAuflassungsweise, schloss sich indess später so sehr anTizian an, dass seine Werke öfters dessen Namen erhaltenkonnten. Er zeichnet sich durch ein ungemein zartes rosigesColorit, welches freilich schon an der Gränze der Weichlich-keit steht, aus; auch die Formen werden schon überquellendreich, der Ausdruck in weiblichen Gestalten hie und dabuhlerisch. Seine weiblichen Portraits, dergleichen in den
12 . grösseren Kunstsammlungen (in der Galerie von München ,dem Belvedere und der Galerie Esterhazy zu Wien , beiManfrini zu Venedig, in den Uffizien zu Florenz u. s. w.;u. s. w.) mehrere gefunden werden, sind von einer unge-mein süssen Anmuth, wenngleich nicht von sonderüch geist-reicher Auflassung. — In grösseren Compositionen ist er,ähnlich wie Pordenone , nicht sehr bedeutend; seine Altar-bilder, meist Madonnen mit Heiligen, haben hie und daetwas von der sinnlich-geistigen Aufregung Coreggio’s, nurohne dessen Naivetät; doch sind auch hier die Köpfe vor-
13. züglich. (Zwei dergleichen im Berüner Museum.) Sein
». berühmtestes Gemälde befindet sich in der Akademie von
Venedig und bezieht sich auf jenen Seesturm, den Giorgionebereits gemalt hatte. Hier sieht man den Fischer, welchergegenwärtig war, als die Heiligen den Sturm gestillt, undwelcher einen Ring, der ihm von dem heil. Marcus alsUnterpfand seiner gnädigen Gesinnungen gegen Venedig gegeben war, dem Dogen in Gegenwart der Senatoren undvieler Nobili überreicht. Die figurenreiche Composition isteinfach und zeugt nicht von vielem Geist, aber sie wirddurch die herrliche Ausführung zur anziehendsten Wirklich-keit, wozu der Ausblick auf venetianische Prachtgebäude
15. viel beiträgt. — Das sinnvollste Gemälde Bordone’s istvielleicht die Sibylle von Tibur , im Palast Pitti; noch lodertvon vergeblichem Opfer ein Altar, an welchen Augustusseinen Lorbeerkranz gelehnt hat, da tritt das begeisterteWeib (von schönstem tizianischem Typus) vor ihn undseine Begleiter hin und zeigt ihnen in der Ferne das neu-