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Wittenbergs Denkmäler der Bildnerei, Baukunst und Malerei / herausgegeben von Johann Gottfried Schadow
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Oft und vielfach war die Vcrdechniß der Kirche angegriffen, und mir härteren Worten, alssie Luther jemals ausgesprochen, gezüchtigt worden, aber keiner der früheren Reformatoren hat-te, weder jene Verderbniß so bei dem rechten Namen, noch das Heilmittel zu nennen gewußt,welches hier allein retten konnte. Mit dem Angriff, den Luther auf die Lehre von den gutenWerken richtete, und mit der Verkündigung: daß der Glaube allein selig mache, hat er deralten Kirche das Urtheil gesprochen. Luther fand bald Gelegenheit, seine Lehre, die er bishermehr unterrichtend von der Kanzel und dem Katheder vorgetragen, in einer offenen Herausfor-derung vertheidigend zu bekennen.

Zur Vollendung des Baues der Peterskirche in Rom fehlte Geld. Leo X. hatte deshalbAblaßkrämer ausgesendet, und.sie fanden vorzüglich in Deutschland ihre Rechnung. Ein Domi­ nikaner Mönch, Tetzel *), hatte sich durch seine unverschämte Dreistigkeit dem Erzbischofe vonMainz , der die Verwaltung dieser Einnahme in Deutschland besorgte, empfohlen; er durchzogerst Süd-Deutschland und war jetzt in die Nähe von Wittenberg gekommen. Seine Lehre war.:Sündenvergebung, nicht durch Gott, sondern durch den Papst; nicht durch Reue und Besserung,sondern für ein Stück Geld.Dieser päpstliche Ablaß, rief der Gotteslästerer aus, ist eben sokräftig, als das Kreuz Christi; diese bezahlte Vergebung versöhnt so vollständig mit Gott, daßes weiter keiner Buße bedarf; der Papst tilgt nicht nur die bereits begangenen, sondern auchdie noch künftigen Sünden; der Papst hat mehr Macht, als alle Apostel, Engel lind Heiligen,auch Maria, die Jungfrau selbst: denn diese Alle sind noch unter Christo, über der Papst istChristo gleich; seitdem Christus aen Himmel »immt er sich der Kirche nicht mehr an,

sondern hat dem Papste, als seinem Statthalter, die völlige Regierung der Christenheit übertra-gen bis auf den jüngsten Tag." Er hatte für jedes Verbrechen eine Taxe: für Menschen-mord 8 Dukaten, für Kirchcnraub 9 Dukaten; er nahm sogar Vorausbezahlung auf Sünden, dieman noch begehen wollte. Luther trat gegen ihn auf, nachdem Tetzel schon anderer Orten harteAnfechtungen gehabt hatte. Denn als er in Ulm , 1512, seinen Ablaß mit den Worten ausrief:Jetzt ist die Zeit der Gnade vor der Thür, ihr Weiber, verkaufet eure Schleier und kaufet denAblaß ein!" predigte gegen ihn öffentlich der v. Conrad Kraft;es ist ein Lockvogel aufgestan-den, der euch das Geld aus dem Beutel schwatzen will. Glaubt demselben nicht, lieben Freun-de, Christus allein ist unser Ablaß und Versöhnopfcr, so für unsre Sünden gnug gethan und be-zahlet." Tetzel ließ diesen Angriff an sich vorübergehen. Die Veranlassung aber, weshalbdie 95 Streitsätze, mit denen Luther ihn jetzt herausforderte, so großes Aufsehen erregten, war,daß er als Mönch es so ungescheut wagte, zugleich die Macht des Papstes selbst anzufechten.Auch der Umstand, daß er seine Sätze an der Schloßkirche anschlug, daß Wittenberg eine Uni-versität war, die man schon langst als eine Schule von Empörern und Neuerern verschrieenhatte, und jene Theses sogleich in Frankreich , England und Italien übersetzt erschienen, mußteganz besonders die Aufmerksamkeit des römischen Hofes in Anspruch nehmen. Mit Schmerz gabLuther den Papst auf;Was mein Herz, sagt er, erlitten und ausgestanden, und in welcher

*) Vogel, Tetzels Leben.