B.
Denkmäler der Malerei.
Die zehn Gebote von Lucas Cranach (dem Vater), auf dem Rathhause.
CTah. S.)
<§chon vor der Zeit der Reformation war die Malerkunst, die ihren höchsten Beruf und zu-gleich ihre Vollendung im Dienste der Kirche erreicht hatte, weltlich geworden, und so findenwir auch hier in dem Sitzungssaale der Rathsherren und des Stadtgerichts ein Bild von Cra nach , der seine Kunst sonst vornehmlich zum Schmuck der Kirchen ausübte, zu Ehren des welt-lichen Regiments anfselleNt. Di» folgte Hierin dein Beispiele der Baukunst, die sich
ebenfalls von den gothischen Domen zu den gothischen Rathhaufern wendete; man wollte dieStatte des Rechts, das man ebenso wie man den Glauben für ein dem Menschen Heiliges er-kannte, durch gleichen Schmuck, wie die Kirchen ehren. Um die Rathsherren und Richter an ih-ren Beruf und ihre Würde, die Vorgeladenen an den ernsten Ort zu erinnern, wo sie erschienen,wählte der Künstler eine Darstellung der zehen Gebote, als der ältesten, unmittelbar von Gott ausgegangenen Gesetzgebung. Das Bild ist nach der Zahl der Gebote in 10 Felder getheilt,und zwar in zwei Reihen, jede zu fünf. Dadurch wußte der Künstler dem Gebote, dessen Dar-stellung am besten geeignet war, an die Gerichtsstube zu erinnern, den schicklichsten Platz in derMitte der unteren Abtheilung anzuweisen, so daß jeder Beschauer, der vor das Bild tritt, zu-erst dem Spruch ließt:
„Du sollst kein falsch gezeuchnuss geben.“
Zur Auslegung dieses Spruches hat der Künstler eine Gerichtsstube dargestellt, wo wir vor demRichter zwei Partheien erscheinen sehen. Der Richter selbst mit strengem Angesicht, sitzt oben an,die Hand auf dem Gesetzbücher seine Strenge noch mehr zu bezeichnen, hat ihm der Künstler diehohe Mütze eines jüdischen Leviten mit cbraischer Umschrift gegeben. Daß Cranach diese Tafelals das Hanptbild angesehen wissen wollte, geht ferner daraus hervor, daß er dem einen Zeugen,der hier auftritt, einen gerichtlichen Brief in die Hand gegeben hat, auf welchem ganz deutlichdie Jahrzahl des Bildes 1516 zu lesen ist. Mehr Schwierigkeit macht es, den Inhalt dieser