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Wittenbergs Denkmäler der Bildnerei, Baukunst und Malerei / herausgegeben von Johann Gottfried Schadow
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Christus am Kreuze.

[Tab. 9.]

Wenn Männer von anerkannter Autorität in der Kunst gegen die Durstellung des Welthei-landes am Kreuze gesprochen haben, als sie überhaupt die Erscheinung eines jammervoll gequäl-ten blutigen Leichnams, der außerdem noch gewöhnlich von den alten Meistern übertrieben aus-gerenkt und abgemagert gebildet worden, von künstlerischer Darstellung ausgeschlossen, so habensie in sofern Recht, als die schöne Kunst, namentlich die griechische plastische Kunst, jede Dar-stellung ausschließt, in welcher die schöne Form, selbst wenn zu dem Körperschmer; ein geistigerhinzutritt, verletzt wird. Eine Aufgabe ganz anderer Art hatte die christliche Kunst: nicht dieSchönheit der Form war ihre höchste Darstellung, die Wahrheit, die sie verherrlichen und ver-künden sollte, war nicht in äußere Erscheinung gelegt, sondern zurückgenommen in das Gefühlund die innere Empfindung. Weit entfernt also, daß die christlichen Maler zu tadeln waren,daß sie uns den Heiland am Kreuze nicht mit dem Körper eines Athleten darstellen, verdient ihrrichtiger Sinn volle Anerkennung; nur müssen wir in dem Jammerbilde des Körpers keine Auf-forderung finden, mit wehmüthiger Klage dabei zu verweilen, sondern uns nach den edlen Zügendes Gesichts, der Wohnung des Geistes, hingezogen fühlen, auf welche wir vornehmlich in Dar-stellungen dieser Art angewiesen sind *). Cranach gehört nicht mehr zu den Künstlern, die ab-sichtlich die Körper heiliger Personen bis zur dürftigsten Magerkeit verunstalten, bei ihm war esMangel an Studium des Nackten. Der Christus auf diesem Bilde, welches wir unbedenklichCranach dem Sohne zuschreiben dürfen, zeichnet sich vor andern, die wir von Eranach sahen,durch vollkommenere Zeichnung aus, und der Künstler hat verstanden, den Körper des Erlösers durcheine würdigere Haltung von denen der beiden Schächer zu unterscheiden. Auch diese beiden letz-teren unterscheiden sich wieder nach ihrem Charakter, und es ist bezeichnend, daß der unbekehrteMissethäter einen fett aufgeschwemmten Körper hat, sträubend den linken Fuß, der von einerWespe verwundet wird, aufwärts zieht, der bekehrte Sünder dagegen, dem noch heute das Pa-radies verheißen wurde, «inen stärkeren Muskelban und ruhige Haltung zeigt. Noch bezeichnen-der ist der Ausdruck in den Gesichtern. Christus hat bereits sein Haupt geneigt und ist verschie-den, die Todtcnbläue des Gesichts und die schmerzhaft zusammengezogenen Augenbraunen erin-nern wohl an den harten Kampf, aber in den sanft geschlossenen Mund ist eine milde Beruhi-gung gelegt, die uns versichert: er hat überwunden! Der Bekehrte blickt getröstet aufwärts nachdem, der noch am Kreuze sein Heil ward, der Missethäter wendet dagegen sein Gesicht ab; seinletzter Hauch ist ein Fluch. Beide Schächer sind nicht an das Kreuz genagelt, sondern nur an-gebunden. Unter dem Bilde ist eine im Gebet krneende Familie versammelt, und aus einer bei-

'*) Schon in ihren ersten Anfängen kragen die griechische und die christliche Kunst diesen verschiedenenCharakter; an den ägineiischen Kämpfern bemerken wir gutgcbildete Körper, mit Sorgfalt gearbeitet,mit Fleiß aukgesührt, gleichgültiger habe» die Künstler die Köpfe behandele, der Ausdruck ist in allenderselbe, al« ob ste über eine Form gebildet waren. Umgekehrt sehen wir in den frühesten Anfängender byzantinischen christlichen Malerei die Körper gleichgültig und fehlerhaft behandelt, in den Kopf,besonder« in die Augen aber wurde ein tiefer Ausdruck gelegt.

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