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Schadow kennen zu lernen. Der Knabe gefiel ihr, es wurde die Abrede genommen, daß er alsdeutscher Gesellschafter bei ihren Kindern sein, und zugleich Zeichenunterricht bei ihr selbst habensollte. Von Morgen bis Abend zeichnete Schadow bei Madame Tassart, und zwar gewöhnlichnach Kupferstichen von Boucher. Bald bekümmerte sich auch Tassart um den jungen Schadow,der sich jetzt für die Bildhauerei entschied, und in der Werkstatt seines Meisters nach Gips znzeichnen und zu bossircn anfing, dabei aber die sehr untergeordneten Arbeiten eines Lchrburschenbesorgen mußte. Tassart war ein Niederländer, allein ganz in dem Vorurthcil der damals herr-schenden französischen Schule befangen, welche ihre Arbeiten durch eine manirirte Grazie überdie Antiken stellen wollte; kein Portrait, selbst keine Göttin, wurde in Tassarts Werkstatt gear-beitet, ohne daß in die Stellung der Anstand der Pariser Mennct, und in das Gesicht ein gezier-tes Lächeln gelegt worden wäre.
Schadow arbeitete mehrere Jahre hindurch bei Tassärt, und zwar so sehr zu dessen Zufrie-denheit, daß er ihm schon in seinem 19. Jahre einen Gehalt von 300 Thalern verschaffte. Sogut auch Schadow in dem Hause Tassart's aufgehoben war, so gab doch, zum Glück für seinehöhere Ausbildung, die Liebe den Ausschlag. Eine Fremde war in Wien in einem Kloster, aber
auch für das Kloster getauft, deren eigener $Oaiev sie tarn««? befreites und ttadf Berlin brachte.
Schadow lernte sie kennen, und es entstand eine gegenseitige Liebe.
Da auch der Vater derselben die Bewerbung des jungen Künstlers nicht abwies, so nannteder glückliche Jüngling in seinem 21. Jahre sie seine Gattin. Der Vater, der die Kinder nachWien begleitet hatte, erfüllte nun auch den zweiten sehnlichsten Wunsch des Künstlers, und gabihm Geld zu einer Reise nach Italien .
So sehr die Arbeiten des Michel Angelo und Giovanni di Bologna, die Schadow auf denPlatzen von Florenz sah, ihn in Erstaunen setzten, so fühlte er sich doch weit mehr zu dem Stu-dium der Antike hingezogen. Nicht lange hielt er sich, in dessen Charakter es lag, überall miteigenen Augen zu sehen und mit eigenem Geiste zu urtheilen — in der Werkstatt des BildhauersTrippel, eines Schweizers, zn dem sich die deutschen Künstler hielten, auf; denn dieser war auchin der Manier von Michel Angelo's Nachahmern befangen. Fleißiger zeichnete Schadow nach demGipsabgüsse der französischen Akademie in Corso, weil diese in besserer Beleuchtung als die An-tiken in dem Museum standen; doch besuchte er auch diese, und sein Modell des Amors und derPsyche auf dem capitolinischen Museum fand Beifall. Nach fleißigem Studium der Antiken inden Jahren 1785 bis 87, versuchte sich Schadow nun auch in einigen Schöpfungen und in demCoucorso di Balestra gewann er für eine in Thon gebrannte Gruppe die goldene Medaille. Derentfernte Künstler war in seinem Vatcrlande nicht vergessen worden; als Tassart 1788 starb,trug der Minister von Heinitz dem jungen Schadow die Stelle desselben an, und er kehrte nachBerlin zurück. Das erste bedeutende Werk, welches er hier ausführte, war der Sarkophag desGrasen von der Mark, der als Kind starb. Das Denkmal befindet sich in der Neustadter Doro-thccn Kirche in Berlin ; der Kn bc liegt in kolossaler Größe auf einem Sarkophag, um ihn hersitzen die Parzen. — Neues Verträum harte sich Schadow durch diese Arbeit, die er mit gro-ßer Anstrengung in drei Jahren vollendete, erworben, und da der Minister Heinitz sich damals