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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Architektur. Tempel von Pästum.

Den ältesten griechischen Tempeln tvie z. B.: demjenigen von Ochaauf Euböa , genügte ein Bau von vier Steinmauern. Als aber -einegriechische Kunst erwachte, schuf sie die ringsum gehende Säulenhallemit dem Gebälk, zuerst vielleicht von Holz, bald von Stein. DieseHalle ist, abgesehen von ihren besondere Zwecken, nichts als ein idea-ler, lebendig gewordener Ausdruck der Mauer selbst. In wunderbarerAusgleichung wirken strebende Kräfte und getragene Lasten zu einemorganischen Ganzen zusammen.

Was das Auge hier und an andern griechischen Bauten erblickt,sind eben keine blossen Steine, sondern lebende Wesen. Wir müssenihrem innere Lehen und ihrer Entwicklung aufmerksam nachgehen.Die dorische Ordnung, welche wir hier in ihrer vollen altertliüm-lichen Strenge an einem Gebäude des VI. Jahrhunderts v. Chr. voruns haben, lässt diese Entwicklung reiner und vollständiger erkennenals ihre jüngere Schwester, die ionische.

Der Ausdruck der dorischen Säule musste hier, dem gewaltigenGebälke gemäss, derjenige der grössten Tragekraft sein. Man konntemöglichst dicke Pfeiler oder Cylinder hinstellen, allein der Griechepflegte nicht durch Massen, sondern durch ideale Behandlung der For-men zu wirken. Seine dorische Ordnung aber ist eine der höchstenIlervorbringungen des menschlichen Formgefühls.

Das erste Mittel, welches hier in Betracht kam, war die Verjün-gung der Säule nach oben. Sie giebt dem Auge die Sicherheit, dassdie Säule nicht Umstürzen könne. Das zweite waren die Cannelirun-gcn. Sie deuten an, dass die Säule sich innerlich verdichte und ver-härte , gleichsam ihre Kraft zusammennehme; zugleich verstärken sieden Ausdruck des Strehens nach oben. Die Linien aber sind wie imganzen Bau nirgends, so auch in der Säule nicht mathematisch hart;vielmehr giebt eine leise Anschwellung das innere schaffende Lebenderselben auf das Schönste zu erkennen.

So bewegt und beseelt nähert sich die Säule dem Gebälk. Dermächtige Druck desselben drängt ihr oberes Ende auseinander zu einemWulst (Echinus), welches hier das Capital bildet. Sein Profil ist injedem dorischen Tempel der wichtigste Kraftmesser, der Grundton desGanzen. Nach unten zu ist er umgeben von drei Binnen, gleich alsverschöbe sich hier eine zarte, lockere Oberhaut der Säule. Ihnen ent-