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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Architektur. Tempel von Pästum.

Quadern den kirchenbauenden Normannen zum Rauh. Doch ist dieinnere Vorhalle, zwei Säulen zwischen zwei Mauerpfeilern (Anten) er-halten. Diese letztem sind als Theil der Mauer behandelt, also wedercannelirt, noch verjüngt, noch geschwellt, doch deutet ein eigenes Ca-pital, welches bedeutsam mit dem Echinus der Säulen contrastirt, aufihre Theilnahme am Tragen hin.

Von den Steinbalkcn und deren vertieften viereckigen Zwisclicn-feldern (Cassetten), welche den Raum zwischen Säulenhalle undTempelmauer bedeckten, ist nichts mehr erhalten. Das Gebälk derSäulenhalle scheidet sich, auch von innen gesehen, in Architrav undFries, nur dass lezterer hier glatt ist. Am Gebälk der Cella dagegen,soviel davon vorhanden ist, hat der Fries seine Triglyplien und Me-topen, nur niedriger als am Ausscnbau.

Das Innere des Heiligthums erhielt einst sein Licht durch einegrosse Dachöffnung, ohne welche die fensterlosen griechischen Tempeldurchaus dunkel gewesen wären. An den bedeutendem Tempeln wurdegleichsam als Einfassung und Stütze dieses offenen Daches eine innereSäulenordnung angebracht, und zwar eine doppelte, weil einfache do-rische Säulen allzu gross und dick hätten gebildet werden müssen imVerhältniss zu dem so beschränkten Raum. Die Bauten der höchstenBlüthezeit scheinen meist eine untere d&rische und eine obere ionischeOrdnung gehabt zu haben, zu deutlicher Scheidung der in einanderüberleitenden Kräfte. Hier dagegen ist auch die obere Ordnung do-risch und dabei noch von etwas ungeschickter Bildung, als wäre diekleine obere Säule unmittelbar die durchs Zwischengesims hindurch-gehende Fortsetzung der grossem untern; überdiess wirkt der breit aus-einander gehende Echinus der kleinen Säule nicht gut *).

Nur in dürftigen Andeutungen haben wir das, was die Seele die-

O Ausserdem ist zu bemerken: An der Aussenseite kommt jede zweite Trigly-püc mitten über eine Säule zu stehen, gegen die Ecken hin aber werden dieMctopen breiter , so dass die Triglyphe auf die Ecke rücken kann. Im In-nern besteht das Gesimse zwischen den beiden Ordnungen aus einem blossenArchitrav mit Hohlkehle, da ein Fries, als Sinnbild des Deeken-Randes, hiernicht am Platze wäre. Das Gesimse über der Obern Ordnung besteht eben-falls aus einem ähnlichen Gliede, allein wir wissen nicht, was einst noch dar-über lag und wie der Dachrand ansetzte.