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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Architektur. Römische Ordnung.

Bei der nun folgenden Übersicht der römischen Bauwerke in Italien möge man ja im Auge behalten, dass wir das rein Archäologische ab-sichtlich beseitigen und auf eine Ergänzung desselben aus den Reise-handbüchern und aus sonstigen Studien rechnen. Auch unsere Vor-bemerkungen werden nicht aus Notizen bestehen, sondern einige all-gemeine Gesichtspunkte festzustellen suchen.

Römerbauten der bessern und noch der mittlcrn Zeit haben einKönigsrecht selbst neben dem Massivsten was Italien aus dem Mittel-alter und der neuen Bauperiode besitzt. Selbst ein kleiner Rest be-mcistert in seiner Wirkung ganze Gassen, deren Häuser doppelt unddreimal so hoch sind. Diess kommt zunächst von dem Stoffe, aus wel-chem gebaut wurde; in der Regel ist es der beste, der zu haben war.Sodann wurde von allem Anfang aii bei öffentlichen Gebäuden nichtgepfuscht und nicht jeder Rücksicht nachgegeben; man haute etwasRechtes oder gar nichts. Endlich ist die antike Architektur mit ihrenplastisch sprechenden, bedeutsam abwechselnden Einzeltheilen, Säulen,Gebälken, Giebeln etc. im Stande, jeder andern baulichen Gliederungdie Spitze zu bieten, seihst der gotliischen, so wie sie in Italien auftritt.

Nun sind einige zeitliche und technische Unterschiede zu beob-achten. Zur Zeit der römischen Republik und auch der frühem Kaiserwurden die öffentlichen Bauwerke aus Quadern desjenigen Sternes er-baut,, welcher unter den nächst zu habenden der beste war. Für Rom z. B. musste die Wahl auf den griingrauen Peperin und den gelblichenTravertin fallen. Allein schon seit Augustus gewann man den fernabliegenden weissen Marmor so lieh, dass mit der Zeit wenigstens Säulenund Gebälk vorzugsweise daraus gebildet wurden, während man dieWände mit Platten dieses und anderer kostbarer Stoffe bekleidete; dasInnere der Mauern aber bestand fortan aus Ziegeln.

Marmoi-bauten jedoch waren das ganze Mittelalter hindurch diebeliebtesten und bequemsten Steinbrüche, wo man die schönsten Säu-len, in der Regel aus Einem Steine, fertig vorfand um hundert Basi-liken damit auszustatten. Von den Mauern löste man mit Leichtigkeitdie Vorgesetzten Platten ah und verwandte sie auf alle Weise; Ge-bäude, deren Mauern aus vollen durchgehenden Quadern bestandenhätten, würde man gewiss eher respectirt und so gut e3 ging, zu neuenBestimmungen eingerichtet haben.