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Der Cicerone : eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens / von Jacob Burckhardt
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Korinthische und Composita-Ordnung.

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sich mächtig gerollte Voluten entwickeln; diese, je zwei sich anein-ander drängend, bilden die -weit vorspringenden vier Ecken des Ca-pitäls. Ihnen folgt die ausgeschwungene Deckplatte, deren einwärts-gehende Rundungen in der Mitte durch eine Blume unterbrochen sind.

Wer an den bessern römischen Bauten ein wohlerhaltenes Capitalmit der nüthigen Geduld verfolgt, wird über die Fülle idealen Lebenserstaunen, die sicli darin ausdrückt. Der Akanthus ist wohl ursprüng-lich die bekannte Pflanze Bärenklau; man pflücke sich aber, z. B. aufden Wiesenhöhen der Villa Pamfili, ein Blatt derselben, und überzeugesich bei der Vergleichung mit dem architektonischen Akanthus, welchein Genius dazu gehörte, um das Blatt so umzugestalten. In einemneuen, plastischen Stoff gedacht, gewinnt es eine Spannkraft und Bieg-samkeit, einen Ueichthum der Umrisse und der Modellirung, wovon

grünen Bärenklau nur die halbversteckten Elemente liegen. DieArt, wie die Blätter über- und

nebeneinander folgen, ist ebenfalls der

-J.U.

Bewunderung verth, und so auch ihre höchste und letzte Steigerungin Gestalt der Eekvoluten; diese, als (scheinbarer) Hauptausdruck derKraft, sind mit Recht freier, d. h. weniger vegetabilisch gebildet, habenaber ein Akanthusblatt, das mit ihnen aus dem gleichen Stengel spriesst,zur Unterlage und Erklärung mit sich. Und jeder einzelne Theil die-ses so elastisch sprechenden Ganzen hebt sich wieder klar und deut-lich von den übrigen ah; reiche Unterhöhlungen, durch welche derKelch als Kern des Capitäles sichtbar wird, gehen zugleich dem Blatt-werk jene tiefen Schatten zur Grundlage, durch welche es erst völliglebendig wirkt.

Eine blosse Spielart des korinthischen ist das sog. Composita-°apitäl, erweislich zuerst an dem Titusbogen angewandt. (Der Dru-susbogen bei Porta S. Sebastiano in Rom ist wahrscheinlich falsch he-üannt; sonst wäre er ein noch älteres Beispiel). Die Mischung aus denzwei untern Blattreihen des korinthischen Capitüls und einem darüber-gesetzten unecht ionischen mit vier Eckvoluten (demselben etwa, wel-ches oben, in der Anmerkung zu Seite 8 beschrieben wurde) ist eineünscliöne, mechanische. Es Hesse sich schwer begreifen, wie man ge-ra <le den glänzend lebendigen ohern Theil des korinthischen Capitäls°pfern mochte, wenn die Mode nicht stärker wäre als Alles.